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Das Freiwillige Digitale Jahr – Wann, wenn nicht jetzt?

Das Freiwillige Digitale Jahr ist seit langer Zeit eine Forderung von D64. In einem solchen Freiwilligendienst können junge Menschen mit ihren technischen Fähigkeiten einen Beitrag für die Digitalisierung der Gesellschaft leisten.

Gründe für einen weiteren Freiwilligendienst
Es gibt bereits vier Arten des Freiwilligendienstes: das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) , der Bundesfreiwilligendienst (BFD) und der Internationale Jugendfreiwillligendienst (IJFD).
Eine Ergänzung um das Freiwillige Digitale Jahr (FSJ digital) wäre aus mehreren Gründen sinnvoll:

1. Digitale Abstände schließen

Während die Mehrheit unserer Gesellschaft immer mehr und intensiver von digitalen Angeboten Gebrauch macht, gibt es einen Teil der Gesellschaft, der droht, digital und damit auch gesellschaftlich abgehängt zu werden. Freiwilligendienstleistende könnten bei der Schließung dieser Lücke einen großen Beitrag leisten – und die Alten von den Kenntnissen der Jungen profitieren.

2. Digitale Bildung unterstützen

Offiziell ist die Digitalisierung zwar Teil der Lehrpläne, praktisch sieht das aber anders aus: viele Lehrenden sind mit dem Lehrstoff und den diversen Ansprüchen, die inzwischen an sie gestellt werden, überfordert. Freiwilligendienstleistende könnten die Lehrenden bspw. direkt im Unterricht, oder auch indirekt mit außerschulischen Angeboten (bspw. AGs) unterstützen. Sie können als digitale Hausmeister*innen Schulen bei der IT-Administration helfen. Vor allem können sie in der Lehrer*innenfortbildung eine nachhaltige Wirkung entfalten.

Es ist nicht erst seit Beginnder Pandemie bekannt, dass es im Bildungsbereich bundesweit an allen Stellen an Ressourcen und Know-how rund um das Thema Digitalität fehlt. Hier könnten diverse Expertisen im Rahmen des Freiwilliendienstes passgenau eingesetzt werden. Junge Menschen könnten so einen wichtigen Beitrag leisten, um Bildungsinstitutionen aller Art zu unterstützen. Das wäre nicht nur ein wirksamer, sondern auch ein nachhaltiger Ansatz für die Entwicklung der Bildungsstandorte und Kommunen in einer Kultur der Digitalität.

3. Digitale Berufszweige fördern

Der Freiwilligendienst bietet eine hervorragende Gelegenheit, ein Berufsfeld besser kennenzulernen, Wissen und praktische Fähigkeiten zu erwerben und das eigene Selbstbewusstsein zu stärken. Das FSJ digital kann dabei helfen, mehr Menschen für digitale und technologische Berufe zu begeistern und damit langfristig zur Attraktivität Deutschlands als Wirtschaftsstandort beizutragen. Das kann gerade junge Frauen ermutigen, ein solches Tätigkeitsfeld auszuprobieren.

Einsatzbereiche für Freiwilligendienstleistende gibt es zu Genügend. Sie könnten beispielsweise Websiten oder Apps für gemeinnützige Projekte entwickeln, unerfahreneren Computernutzer*innen technische Hilfstellung geben, Projekte im Bereich digitale Bildung unterstützen oder eine Netzkampagne in den Sozialen Medien organisieren.

Bisherige Pilotprojekte erfreuen sich hoher Nachfrage
Bisher wird das FSJ digital nur in Modellprojekten in einzelnen Bundesländern und Verbänden ausprobiert. 2015 sind Pilotprojekte in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt gestartet.

In Rheinland-Pfalz ist das Modell trägeröffen und spricht alle interessierten Freiwilligendienstleistende an. Sie können sich mit einer Projektidee bewerben, nehmen an einer ergänzenden fünftägigen Weiterbildung teil und können mit bis zu 1000 € für ihr Projekt unterstützt werden.

In Sachsen-Anhalt wurde das FSJ digital im Landesverband des Deutschen Roten Kreuz ausprobiert. Dort organisieren Freiwillige „Digitale Cafés“, bei denen insbesondere ältere Menschen lernen, wie sie Online-Banking benutzen oder sicher im Internet unterwegs sein können.

Die bisherigen Pilotprojekte wurden gut angenommen. Auch in anderen Bundesländern gibt es inzwischen ähnliche Bestrebungen.

Wir fordern das Freiwillige Digitale Jahr als bundesweites Angebot
Damit solche Initiativen kein Tropfen auf dem heißen Stein sind, braucht es eine übergreifende Koordinierungshilfe, die Freiwillige und Einsatzstellen zur Seite stehen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Servicestelle netzwärts für Medienbildung im Freiwilligendienst des Kulturbüro Rheinland-Pfalz.

D64 fordert, das FSJ digital flächendeckend anzubieten und die bundesweiten Koordinierungstellen auszubauen. Wann, wenn nicht jetzt, sollte das Potential von technikaffinen jungen Menschen mit dem Digitalisierungsbedarf von gemeinnützigen und sozialen Einrichtungen verbunden werden? Wir schließen uns zudem der Forderung einer Vielzahl von Verbänden an, Freiwilligendienstleistenden kostenlose ÖPNV-Tickets zur Verfügung zu stellen.

Digitale Kinderarbeit verhindern – Kidfluencer schützen

D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt sieht die Werbetätigkeiten durch Kinder in sozialen Netzwerken als zunehmendes Problem und fordert die Behörden auf, ihre Aufsichtspflicht stärker wahrzunehmen und für das Thema zu sensibilisieren.

Das Phänomen des „Kidfluencing“ beschreibt Influencer-Tätigkeiten von Kindern, die sogar schon als Kleinkinder Produkte vor teilweise Hunderttausende von Followerinnen und Followern bewerben. Die Zusammenarbeit mit Kidfluencern ist für Unternehmen höchst attraktiv, erreichen sie hier ihre Zielgruppen hierbei doch besonders genau. Die Belastung, der Druck und die Verantwortung, die für Kinder hierbei entsteht, darf jedoch nicht unterschätzt werden. Influencing ist Arbeit. Kidfluencing ist Kinderarbeit.

Was Kidfluencing von „klassischer“ Kinderarbeit unterscheidet und deshalb besonders gefährlich macht: Die Erziehungsberechtigten, die grundsätzlich für das Wohl des Kindes zu sorgen haben, haben nicht selten ein Eigeninteresse an der Tätigkeit ihrer Kinder oder instruieren diese sogar, weil die öffentliche Aufmerksam geschätzt wird und die Einnahmen der ganzen Familie zugutekommen.

Die rechtliche Lage ist eindeutig

Die rechtliche Lage ist jedoch klar: Jedenfalls wenn Kinder gegen Entgelt oder zu anderen wirtschaftlichen Zwecken tätig werden, handelt es sich um Kinderarbeit im Sinne des Jugendarbeitsschutzgesetzes. Solche Beschäftigungen sind für Kinder (bis zu einem Alter von fünfzehn Jahren) grundsätzlich verboten (§ 5 Abs. 1 JArbSchG). Sie können nur ausnahmsweise auf Antrag mit Zustimmung der Sorgeberechtigten von den zuständigen Aufsichtsbehörden erlaubt werden (§ 6 JArbSchG). Das gilt auch für Influencing!

Erik Tuchtfeld, Mitglied des erweiterten Vorstands von D64, weist jedoch auf ein Problem hin: „Viele Erziehungsberechtigte gehen fälschlicherweise davon aus, dass Kidfluencing ohne Weiteres erlaubt ist, weil es sich um ein Hobby im familiären Bereich handelt. Deshalb ist es ganz besonders notwendig, dass die Aufsichtsbehörden die Rechtslage aktiv durchsetzen!“ Doch dies erfolgt oft nur lückenhaft, wohl auch aufgrund mangelnder Kenntnis von den Tätigkeiten der Kinder und Jugendlichen in sozialen Netzwerken.

Außerdem haben die Bundesländer als Aufsichtsbehörden die Gewerbeaufsichten bestimmt. Da es aber um das Wohl von Kindern und Jugendlichen geht und insbesondere das Phänomen Kidfluencing auch stark in den privaten, familiären Bereich hineinwirkt, sollten die örtlichen Jugendämter stärker in die Erteilung von Ausnahmegenehmigungen einbezogen werden.

Verantwortungsvolle Nutzung von Sozialen Medien

Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche verantwortungsvoll mit sozialen Medien aufwachsen können. D64-Mitglied Lilly Blaudszun unterstreicht: „Hierzu gehört selbstverständlich auch das aktive Sich-Bewegen in sozialen Netzwerken, hierzu gehört auch das Erstellen von Memes, Videos und vielem mehr. Nicht dazu gehören darf aber eine Ausbeutung von Kindern und jungen Erwachsenen, auf deren Schultern in der Folge die Verantwortlichkeit für den Erwerb der ganzen Familie liegen kann.“

D64 fordert die zuständigen Behörden deshalb auf, die staatliche Aufsicht zu intensivieren und durch öffentliche, großangelegte Kampagnen über das Problem und die Rechtslage zu informieren und sensibilisieren.

 

Weiterführende Informationen:
Julia Carrie Wong, ‚It’s not play if you’re making money‘: how Instagram and YouTube disrupted child labor laws, The Guardian, 24. April 2019
Stephan Dreyer, Claudia Lampert u.a., Zwischen Spielzeug, Kamera und YouTube: Wenn Kinder zu Influencern (gemacht) werden, Deutsches Kinderhilfswerk, 2019

#D64diskutiert zeitgemäße Bildung – unser Resümee

Vor knapp zwei Wochen ging #D64diskutiert in die zweite Runde – genug Zeit die spannenden Ideen wirken zu lassen und ein abschließendes Resümee zu ziehen.

Hier gibt es die Diskussion zum Nachschauen:

Uns ist klar, dass bei diesem Thema von Bundesland zu Bundesland Unterschiede beim bisherigen Vorgehen und den Voraussetzungen vorliegen und deshalb diese differenziert zu bewerten sind. Wir glauben aber, dass es genau aus diesem Grund besonders wichtig ist, voneinander zu lernen und sich auszutauschen. Das Rad muss ja nicht zweimal erfunden werden. Vor diesem Hintergrund waren auf unserem Panel auch verschiedenste Ecken Deutschlands vertreten.

Knapp anderthalb Stunden sprachen Lena Kilian und Dejan Mihajlović als Moderationsteam mit Maike Schubert, Marina Weisband, Saskia Esken und Uwe Klemm über Grundvoraussetzungen, personelle und zeitliche Ressourcen und langfristige Ziele für eine zeitgemäße Bildung. Klar war schon vor Beginn: Hier geht es um das WIE und nicht das OB. Die Runde war sich schnell einig, dass alle vier Forderungen unserer AG Bildung richtig und wichtig sind und Maßstäbe und Pläne darüber hinaus gesetzt werden müssen.

Digitale Endgeräte und ein stabiler Internetzugang sind unerlässlich für eine zeitgemäße Bildung. Diese müssen den Schülerinnen und Schülern auch außerhalb der Schule zur Verfügung stehen. Fest steht, sobald eine Geräteauswahl angeboten wird, wird es zwangsläufig komplizierter für die gemeinsame Anwendung, aber besonders für die Lehrerschaft. Fortbildungen müssen deshalb systemisch und dauerhaft stattfinden, um nachhaltig Erfolge zu erzielen. Geräte- und plattformübergreifende Software kann zudem Abhilfe schaffen und den Unterricht progressiv unterstützen. Die benötigten Programmiererinnen und Programmierer dann aber mit E9 oder E10 zu entlohnen – was nicht ansatzweise mit Verdiensten in der freien Wirtschaft vergleichbar ist – resultiert auch bei anständiger Förderung in keiner guten Software. Damit dieses Konstrukt auch vor Ort funktioniert, sind Systemadministratorinnen oder Systemadministratoren,  die Lehrkräfte technisch als auch konzeptionell beraten, unerlässlich. Der Vergleich der Betreuungsschlüssel zwischen Verwaltung und Schule zeigte in Jena eine eindrucksvolle Diskrepanz und überzeugte die Verwaltung letztendlich von der Notwendigkeit hier korrigierend zu handeln.

Im letzten Abschnitt unserer Veranstaltung beschäftigte die Runde sich mit langfristigen Zielen und Plänen, damit eine zeitgemäße Bildung dauerhaft gewährleistet werden kann. Über die Devise waren sich alle einig: Mut zur Veränderung! Alte, nicht mehr zeitgemäße Strukturen müssen aufgebrochen, eine moderne Lernkultur geschaffen und innovative Formate entwickelt werden. Dies kann nur mittels einer modernen Bewertungsgrundlage erreicht werden, die auf den Schlüsselkompetenzen einer Kultur der Digitalität basiert. Alle werden wieder zu Lernenden, der Unterricht wird kollaborativ entwickelt und Klassenräume werden über physische Grenzen hinweg geöffnet, sodass beispielsweise Fremdsprachen gemeinsam mit Muttersprachlern in anderen Ländern gelernt oder auch Study Halls eingerichtet werden.

Auch unsere zweite Ausgabe von #D64diskutiert war eine sehr lehrreiche und ermutigende Diskussion. Es war uns eine große Freude, die Plattform für diesen Austausch zu sein. Unser abschließender Dank geht an unsere Referentinnen und Referenten, unseren technischen Partner Content Flow und natürlich alle interessierten Zuschauerinnen und Zuschauer.

Wir freuen uns schon auf die nächste Ausgabe, zu der wir Euch Anfang September mit ebenfalls wertvollen Impulsen begrüßen dürfen!

#D64diskutiert: Digital, gerecht und solidarisch – Wie kann zeitgemäße Bildung verwirklicht werden?

Die Corona-Krise hat gezeigt: Seit den Schließungen von Bildungsinstitutionen gibt es Bemühungen, das Lernen von Zuhause aus digital fortzusetzen. Dabei spielen neben der technischen Infrastruktur, den Kompetenzen und Haltungen hinsichtlich einer Kultur der Digitalität, auch viele weitere Aspekte, wie beispielsweise die häuslichen Gegebenheiten und Lebensumstände von Lernenden, eine wesentliche Rolle. In den letzten Wochen ist immer deutlicher geworden, dass in der aktuellen Situation die Bildungsungerechtigkeit verstärkt und besonders sichtbar wird. Schulen müssen nicht nur für das kommende Jahr digital besser aufgestellt werden, sondern auch langfristige Konzepte entwickelt werden. Deshalb gilt es nun, die Lehren daraus zu ziehen und konkrete Maßnahmen für eine zeitgemäße Bildung zu ergreifen

Welche Grundvoraussetzungen müssen verwirklicht werden, um allen kulturelle Teilhabe zu ermöglichen? Sind zeitliche Ressourcen für die Entwicklung, Umsetzung und Reflexionen schulischer Konzepte und zeitgemäßer Unterrichtsformen notwendig? Welche Hürden und Hindernisse bahnen sich bei der Umsetzung an?

Über diese Fragen diskutieren auf Einladung von D64 am 16. Juli 2020 um 19 Uhr per Webkonferenz auf d-64.org:

  • Saskia Esken (MdB, SPD Parteivorsitzende)
  • Marina Weisband (Diplompsychologin, Autorin und Expertin für digitale Bildung und Beteiligung)
  • Maike Schubert (Schulleiterin Winterhuder Reformschule, Hamburg)
  • Uwe Klemm (Fachberater Medienkunde, Medienzentrum Jena; Studienrat Angergymnasium Jena)

Der Link zum Stream wird auch auf unserem Twitterkanal (@D64eV) zu finden sein.

Zeitgemäße Bildung braucht Ressourcen

In den letzten Monaten hat Covid-19 die Missstände in deutschen Schulen verdeutlicht und durch Erfahrungen in der Gesamtbevölkerung zur allgemeinen Erkenntnis geführt, dass Schulen sich nicht nur für das kommende Schuljahr digital besser aufstellen müssen. Unabhängig davon, wie Unterricht nach den Sommerferien aussehen sollte und welche Rahmenbedingungen von Bildungsministerien aufgestellt sein werden, ist völlig klar, dass konkrete Maßnahmen ergriffen werden müssen. Das gilt sowohl für die zeitnahe als auch langfristige Entwicklung.

Vor kurzem haben wir als D64 gefordert, dass digitale Endgeräte als Grundversorgung gedacht werden müssen, so wie ein Internetzugang und Datenvolumen keine Hürde darstellen dürfen. Das sind Grundvoraussetzungen, um allen die kulturelle Teilhabe jederzeit zu ermöglichen. Das allein reicht aber nicht aus, um Schulen bei den notwendigen Veränderungen in der Digitalen Transformation zu unterstützen. Für D64 umfasst eine solche Route mehrere Meilensteine, die schnellstmöglich in Angriff genommen werden sollten:

Lehrer:innen sollten sich ihren pädagogischen Aufgaben widmen und nicht der Bereitstellung und Pflege digitaler Infrastrukturen. Es kann nicht sein, dass Lehrkräfte nur gesagt bekommen, was alles nicht geht und dann daraus selbständig Lösungen entwickeln sollen. Ihnen müssen attraktive und zuverlässige Systeme zur Verfügung gestellt werden. Digitale Infrastrukturen dürfen nicht von zufällig verfügbaren Einzelpersonen und Ressourcen abhängen, sondern brauchen professionelle Dienstleistungen.

Alle an einer Schule Beteiligten müssen sich im Rahmen der Digitalen Transformation fortbilden, austauschen und vernetzen können. Dazu sind ausreichende zeitliche Ressourcen für die Entwicklung, Umsetzung und wiederholende Reflexionen schulischer Konzepte und zeitgemäßer Unterrichtsformen notwendig. Das erfordert im regulären Schulalltag genügend Freiräume und Unterstützung. Wirksame und nachhaltige Schulentwicklung kann nicht on top stattfinden.

Deshalb fordern wir:

  • die verlässliche Bereitstellung und Pflege der digitalen Infrastruktur sowie Support durch professionelles Personal
  • ausreichend Zeit für Fortbildungen und Schulentwicklung im Rahmen des Schulalltags einzuräumen

In den alten Bildungsplänen vor 20 Jahren standen schon Ziele für eine Kultur der Digitalität, die nie erreicht wurden, weil die Voraussetzungen für die erfolgreiche Umsetzung nicht gegeben waren. Unser Bildungssystem benötigt deshalb einen grundlegenden Neustart. Gerade mit den Erfahrungen und Erkenntnissen der jetzigen Krise brauchen die Schulen bei den Herausforderungen des Paradigmenwechsels eine echte Chance, sich auf den Weg machen zu können. Dafür sind sowohl personelle als auch zeitliche Ressourcen notwendig.

Was ist D64?

D64 ist die Denkfabrik des digitalen Wandels. Unsere Mitglieder sind von der gesamtgesellschaftlichen Auswirkung der digitalen Transformation auf sämtliche Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens überzeugt und wollen diese progressiv und inklusiv gestalten. Dabei liefern wir Impulse um die digitale Transformation zum positiven Gelingen zu bringen. Wir sind uns einig, dass man eine Politik der Zukunft nicht mit Konzepten von gestern machen kann. D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt e.V. wurde 2011 gegründet und ist gemeinnützig, überparteilich und unabhängig. Wir haben über 500 Mitglieder bundesweit, die sich allesamt ehrenamtlich engagieren und über das vereinseigene „digitale Vereinsheim“ organisieren. D64 bringt Expertinnen und Expertise aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Zivilgesellschaft, Bildung und Politik zusammen und bringt diese Expertise in die politische Debatte ein.

Internet als Grundversorgung verwirklichen

Seit den Schließungen von Bildungsinstitutionen gibt es Bemühungen, das Lernen von Zuhause aus digital fortzusetzen. Dabei spielen neben der technischen Infrastruktur, den Kompetenzen und Haltungen hinsichtlich einer Kultur der Digitalität, auch viele weitere Aspekte, wie beispielsweise die häuslichen Gegebenheiten und Lebensumstände von Lernenden, eine wesentliche Rolle. In den letzten Wochen ist immer deutlicher geworden, dass in der aktuellen Situation die Bildungsungerechtigkeit verstärkt und besonders sichtbar wird. Deshalb gilt es nun, die Lehren daraus zu ziehen und Forderungen zu formulieren, an denen sich die Politik orientieren sollte und an denen sie gemessen wird.

Manche Kinder und Jugendliche verfügen über die neuesten Technologien und einen schnellen Internetanschluss, haben eigene Zimmer und Eltern, die sie technisch, fachlich und pädagogisch unterstützen können. Für viele junge Menschen stellt aber ein Smartphone die einzige Möglichkeit dar, sich Zuhause digital auszutauschen. Oft müssen sie sich sowohl das Gerät als auch ein Zimmer mit mehreren Geschwistern teilen. Anderen wird die kulturelle Teilhabe durch schlechte Internetanschlüsse drastisch erschwert, teils sogar verhindert.

 

Die COVID-19-Pandemie verdeutlicht auch in der Bildung, dass nicht nur die Bildungseinrichtungen, sondern auch das Zuhause ein wichtiger Lernort ist. Das Internet ist ein fester und essentieller Bestandteil unserer Kultur. Es muss überall verfügbar sein, wie Strom und Wasser. PCs, Laptops, Tablets, Smartphones oder andere Endgeräte stellen somit Kulturzugangsgeräte dar, genauso wie Bücher oder Taschenrechner.
Deshalb fordern wir:

  • Digitale Endgeräte müssen als Grundversorgung gedacht werden,
  • so wie ein Internetzugang und Datenvolumen, die keine Hürde darstellen dürfen.

Das sind Grundvoraussetzungen, um allen die kulturelle Teilhabe jederzeit zu ermöglichen.

Die derzeitige Lage legt grundsätzliche Versäumnisse noch deutlicher offen. Das darf nicht wieder in Vergessenheit geraten. Deshalb müssen endlich beide Forderungen als Grundversorgung verwirklicht werden.

Was ist D64?

D64 ist die Denkfabrik des digitalen Wandels. Unsere Mitglieder sind von der gesamtgesellschaftlichen Auswirkung der digitalen Transformation auf sämtliche Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens überzeugt und wollen diese progressiv und inklusiv gestalten. Dabei liefern wir Impulse um die digitale Transformation zum positiven Gelingen zu bringen. Wir sind uns einig, dass man eine Politik der Zukunft nicht mit Konzepten von gestern machen kann. D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt e.V. wurde 2011 gegründet und ist gemeinnützig, überparteilich und unabhängig. Wir haben über 500 Mitglieder bundesweit, die sich allesamt ehrenamtlich engagieren und über das vereinseigene „digitale Vereinsheim“ organisieren. D64 bringt Expertinnen und Expertise aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Zivilgesellschaft, Bildung und Politik zusammen und bringt diese Expertise in die politische Debatte ein.

DigitalPakt Schule – es braucht mehr als Geld und Technik

Nach einer Einigung im Vermittlungsausschuss ist der DigitalPakt Schule am 21. Februar im Bundestag beschlossen worden. Damit werden in den nächsten fünf Jahren fünf Milliarden Euro aus dem Bund in den Bildungsbereich fließen, die hoffentlich nachhaltig investiert den Einstieg in eine vernünftige digitalen Infrastruktur in Schulen ermöglichen sollen. Aus Sicht von D64 ist das zwar wegweisend und zu begrüßen, kann aber nur ein Anfang sein. 

Vielmehr setzt sich D64 dafür ein, dass zeitgemäße Bildung nicht einfach als das zur Verfügung Stellen von Infrastruktur begriffen, sondern als grundlegender Wandel in der Herangehensweise an Bildungsfragen begriffen wird. 

So hatte die  Kulturministerkonferenz der Länder in ihrem im Dezember 2016 veröffentlichten Strategiepapier der Kultusministerkonferenz Bildung in der digitalen Welt sich auf einen verbindlichen Rahmen geeinigt, und richtig erkannt, dass es dafür vor allem neue erforderliche Kompetenzen und Voraussetzungen und ihre Förderung braucht. Gut zwei Jahre später stellt sich die Fragen, wie viel davon bisher jeweils umgesetzt wurde und ob  ein Investitionspaket genügt, um den kulturellen Wandel, der durch die Digitale Transformation nötig ist, auch im notwendigen Ausmaß im Bildungsbereich zu erreichen.

Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren meistens die Technik und ihr „Mehrwert“ in den Debatten über Digitales im Bildungsbereich im Mittelpunkt stand und dabei gerne der Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext, der Kultur der Digitalität, verloren ging. Es wird nicht umsonst bevorzugt über Tablet-Klassen, Apps und Lernplattformen diskutiert. Welches Bildungsverständnis braucht es aber in einer Kultur der Digitalität? Was sich zumindest mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen lässt, ist, dass das Digitalisieren von Prozessen und Strukturen aus dem Buchdruckzeitalter nicht genügen wird.

Damit die über 730 000 Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland neue technische Möglichkeiten im Kontext des kulturellem Wandels wirksam und nachhaltig aufgreifen können, benötigt es neben der Technik auch physische, zeitliche und kognitive adäquate Räume. Dafür sind flache Hierarchien, Interdisziplinarität, grenzüberschreitende Vernetzung und Austausch notwendig, die leider auch die am schwierigsten zu erreichenden Veränderungen darstellen, weil es dabei um geistige Hürden, bzw. eine tief verankerte Haltung geht. D64 fordert deshalb, dass nach Verabschiedung des DigitalPaktes, dass

  • administrative Tätigkeiten an Schulen von dafür eingestelltem Personal übernommen werden, damit Lehrkärfte sich auf ihren Bildungsauftrag konzentrieren können und eine stets funktionerende digitale Infrastruktur aufgebaut und konstant gewähleistet werden kann.
  • auch Ressourcen bereitgestellt werden, die wirksame und nachhaltige Schulentwicklung im Laufe des Schulalltags ermöglichen. Hier schlagen wir die „20-Prozent-Zeit“ vor. Jeden fünften Tag, bzw. einen Schultag sollen Lehrerinnen und Lehrer frei vom Arbeitsalltag sich um eigene Projekte, im Rahmen von Schulentwicklung, kümmern können. Innovation braucht Freiräume.
  • Strukturen, Projekte und Veranstaltungen, die regional, grenzübergreifend und auch interdisziplinär Vernetzung und Austausch ermöglichen, unterstützt und gefördert werden.

Der Erfolg vom Auftakt mit den finanziellen Mitteln des DigitalPakts Schule wird von der Bereitschaft der jeweiligen Entscheidungsträger innerhalb der Länder und Kommunen abhängen, sich zu öffnen, transparenter zu agieren, regionale Potenziale in die Prozesse zu involvieren und attraktive Freiräume für die Entwicklung von wirksamen Konzepten und Innovation zu ermöglichen. Das kann nur in einem gesamtgesellschaftlichen Dialog und einer veränderten Haltung gelingen.

Dejan, Vorsitzender AG Bildung und Mitglied des Vorstands

D64 ist Partner des E-Entrepreneurship Flying Circus

Warum gibt es eigentlich keine digitalen Weltmarktführer aus Deutschland? Wieso haben wir so wenig Gründer für die Digitale Wirtschaft? Der E-Entrepreneurship Flying Circus 2014 (#EEFC14) ist eine bundesweite Tour im Wissenschaftsjahr 2014 – Die digitale Gesellschaft, bei der in Form von einzelnen Aktionstagen an sechs deutschen Hochschulen mit Vorträge, Diskussionen und Interaktionen die Ausbildung von Gründern für die digitalen Wirtschaft motiviert und gestärkt werden soll.

Schülern, Studenten und weiteren Beteiligten sollen die Chancen einer Karriere bzw. der eigenen Selbständigkeit in der digitalen Wirtschaft aufgezeigt werden. Über 60 bekannte Köpfe aus Wissenschaft, Politik und (junger) digitaler Wirtschaft sind insgesamt über alle Aktionstage hinweg vor Ort und diskutieren die Notwendigkeit von E-Entrepreneurship an deutschen Hochschulen.

Hochschulen als Startup-Hotspot

Hochschulen spielen bei der Ausbildung von Gründern der digitalen Wirtschaft und den durch sie entwickelten innovativen Geschäftsmodellen eine zentrale Rolle! Sowohl die nächste Gründergeneration als auch die qualifizierten Fachkräfte für die Startups werden hier ausgebildet. Wissenschaft, Lehre und Transfer speziell für die digitale Wirtschaft (E-Entrepreneurship) wird also zum Schlüssel für die digitale Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland in Europa und darüber hinaus.

Über die Aktionstage vor Ort sollen jeweils in der Zeit von 10:00-17:00 Uhr vor diesem Hintergrund folgende Ziele verfolgt werden:

1. E-Entrepreneurship als Lehrfach an und für Hochschulen zu motivieren.
2. Aktuelle und zukünftige Studierende für E-Entrepreneurship zu begeistern.
3. Chancen und Möglichkeiten der digitalen Wirtschaft darzustellen.

Wir freuen uns, als D64 diese bundesweite Tour im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2014 als Partner zu begleiten!

Last but not least hier noch die Tourdaten des #EEFC14

02.10.14               Universität zu Köln
06.10.14               Universität Hamburg
08.10.14               Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
10.10.14               Technische Universität Dresden
14.10.14               Universität Erlangen-Nürnberg (FAU)
16.10.14               Universität Hohenheim

Das DIGINOVA-Projekt hat seine Ergebnisse vorgelegt

Im Rahmen des 7. Forschungsrahmenprogramms der EU wurde ein Projekt „Innovation for Digital Fabrication“ („DIGINOVA“) aufgelegt, mit der Aufgabe, das Potenzial der Digitalen Fabrikation in Europa zu bewerten und voranzutreiben. Am DIGINOVA-Projekt beteiligt waren fünf Universitäten, Forschungsinstitute wie etwa das Fraunhofer-Institut, und eine Reihe privater Firmen, darunter einige mit Expertise auf dem Gebiet der Nano-Technologie.

Die Ergebnisse dieses Projektes liegen nun vor. Es wurde eine „Roadmap“ erstellt, die eine Vorgehensweise zur Ausschöpfung der Potenziale und Vorteile des ganzen Feldes und Konzepts der Digitalen Fabrikation innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre umreißen soll.

Zum Verständnis dieser Potenziale sei die DIGINOVA-Definition für digitale Fabrikation vorangestellt:

„Digital Fabrication is defined as a new industry in which computer controlled tools and processes transform digital data design directly into physical products.”

Nach diesem Prinzip funktioniert auch der – mittlerweile ja schon recht populäre – 3D-Druck: Design-Files enthalten den Entwurf des herzustellenden Gegenstandes in Gestalt eines Schichtenmodells, den der 3D-Drucker dann durch sukzessives Aufbringen des Arbeitsmaterials in solchen Schichten umsetzt. Das wäre dann ein additives Verfahren; Digitale Fabrikation kann aber auch subtraktive Verfahren, und auch andere Materialien (bis hinunter zu Nano-Partikeln und sogar einzelnen Atom-Clustern) und Prozesse als im 3D-Druck gebräuchlich verwenden. Die Design-Files werden typischerweise über das Internet von global verfügbaren Datenbanken entsprechender Anbieter heruntergeladen und an die lokale Fabrikationsmaschine geleitet.

Die Experten des DIGINOVA-Projektes erwarten nun erhebliche Auswirkungen der Digitalen Fabrikation für die industrielle Fertigung:

  • Manufacturing will change beyond recognition
  • Established (analogue) fabrication methods and technologies will be replaced by Digital Fabrication technologies and solutions; this is expected to lead to a revolution in the manufacturing industry that needs to be anticipated, understood and supported
  • Digital Fabrication will lead to a radical paradigm shift in manufacturing
  • Manufacturing will evolve towards a global distribution of digital design and specification files that will form the basis of local production. The economical advantage of large scale production will decrease
  • Transformation to Digital Fabrication will contribute to the decrease of resource consumption and resource-intensive production, targeting low-carbon and zero-waste manufacturing

Der Kern dieses neuen Paradigmas der Produktion wird in der folgenden Zusammenfassung der Charakteristika der Digitalen Fabrikation deutlich:

  • On-demand
  • customized
  • personalized
  • zero-waste
  • no-stock
  • decentralized
  • fast turnaround
  • distribute & manufacture (statt manufacture & distribute)
  • clean & green
  • ease of use
  • user-centric design

Hinzuzufügen wäre dem:

  • zero lead time (keine Rüstzeiten)
  • no assembly required (keine Montage)
  • zero skill manufacturing (keine qualifizierte menschliche Arbeit erforderlich)
  • precise physical replication (digital implementierte und verfügbare Herstellungsprozesse sind präzise und verlustfrei replizierbar, und damit auch die durch sie repräsentierten physischen Objekte).

Statt des “Push-Modells” der industriellen Massenfertigung auf Lager und anschließenden Marketing-Aufwendungen zwecks „Push to Market“ macht Digitale Fabrikation das Modell der „Production on demand“ möglich. Die informationale und logistische Distanz zwischen Konsumenten und Produzent kann sich im Extrem bis auf Null reduzieren.

Paradigmenwechsel der Produktion

In der Gegenüberstellung des alten zum neuen Paradigma wird der Umfang des zu erwartenden Paradigmenwechsels deutlich:

„Heute werden die meisten Produkte hergestellt durch die Mittel der etablierten Infrastruktur der Massenproduktion. Dies beinhaltet traditionell umfangreiche Lagerhaltung, extensiven manuellen Arbeitseinsatz, große Kapitalinvestitionen, hohen Energieverbrauch, weite Transportwege, eine „Armee“ von Beschäftigten und die Annahme einer bestehenden hinreichend großen, homogenen Konsumentenbasis.“ (DIGINOVA)

Die Zukunft wird dagegen so aussehen:

„Es ist vorstellbar, dass Menschen in der Lage sein werden, ihre eigenen Produkte zu bestellen, zu definieren oder zu kreieren und lokal, vor Ort herzustellen, aus Materialien ihrer Wahl.“ (DIGINOVA) Es wird erwartet, dass additiv und lokal herstellbare Produkte langfristig durchaus in Qualität und Kosten mit konventionell hergestellten Produkten vergleichbar sein werden, sowie auch in Komplexität, Funktionsumfang und Leistungsfähigkeit („full functioning objects“). Eine Kostensenkung sei zu erwarten durch den Wegfall von Transportkosten für Halbfabrikate und Rohmaterialien, durch Einsparung von Rohmaterial im Fertigungsprozess, durch Wegfall von menschlicher Arbeit, von Marketing und den Kosten des Zwischen- und Endhandels. Letztlich werde es möglich sein, die Herstellungskosten auf Energiekosten, Materialkosten und Kosten der Information („Designs“) zu reduzieren, wobei diese unter Umständen als Open-Source-Software auch frei verfügbar sein könne.

Dieses neue Paradigma impliziert nun offenbar die längerfristige Wahrscheinlichkeit folgender tiefgreifender ökonomisch-sozialer Veränderungen:

  • Das Verschwinden der Industriefabrik
  • Das Verschwinden der entsprechenden Kapitalinvestitionen
  • Das Verschwinden der „Armies“ von Beschäftigten
  • Das Verschwinden von sekundärer Beschäftigung im Transportwesen und in zugeordneten Dienstleistungen wie etwa Marketing, Vertrieb und Handel sowie im Finanz- und Bankwesen

Abhängig vom Umfang, der Diffusionstiefe und –breite und der erreichbaren Leistungsfähigkeit und Reife der Digitalen Fabrikation können die Auswirkungen also in der Tat so tiefgreifend für Wirtschaft und Gesellschaft sich gestalten, dass von einer „Digitalen Industriellen Revolution“ mit Fug und Recht gesprochen werden kann.

Paradigmenwechsel der Ökonomie?

Wie wäre nun die Förderungswürdigkeit dieses Paradigmas zu ermessen? Einige Vorteile ergeben sich schon aus dem bisher gesagten (Vermeidung von Ressourcenverschwendung, bessere (individuellere) Produkte, neue Freiheit des Designs, neue (intelligente) Materialien, Wachstumsschub der beteiligten Branchen. Aber im Vergleich zum „alten“ Paradigma der Industrieproduktion innerhalb des ökonomischen Paradigmas von Wachstum und Vollbeschäftigung ergibt sich ein weiteres, prinzipielles, zentrales Argument.

Zur Bewertung komplexer Vorgänge mit einer inneren Entwicklungslogik ist es manchmal hilfreich, diese inneren evolutiven Prozesse in einem Gedankenexperiment bis an ihr theoretisches Maximum zu denken, auch wenn dies in der Realität in aller Vollkommenheit niemals erreichbar sein wird. Als ein solcher evolutiver, fortschreitender Prozess kann innerhalb des marktwirtschaftlichen Paradigmas der Produktivitätsfortschritt gesehen werden, der – jedenfalls in der Spätphase der Industrialisierung – vor allem durch Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik, also durch Optimierung der betrieblichen und zwischenbetrieblichen Prozesssteuerung erreicht wird. Hergestellt wird diese Technik (auch) durch Forschungsaufwand der Wissenschaft, und zwar in Deutschland der Wissenschaft Wirtschaftsinformatik, die seit ihrer Gründung 1972 nun von über 200 Professoren an deutschen Universitäten gelehrt wird. Als so ein gedachtes Maximum – als „regulatives Prinzip“ – dieses Prozesses der Produktivitätssteigerung wird in der Wirtschaftsinformatik die „Vollautomation des Unternehmens“ gesehen, die – zurückgehend auf den Begründer der Wirtschaftsinformatik in Deutschland, Prof. Peter Mertens – auch als ein bindendes und identitätsstiftendes „letztes“ Gestaltungsziel der Wirtschaftsinformatik angesehen wird (Wikipedia Wirtschaftsinformatik).

Was bedeutete aber nun das Erreichen der „Vollautomation“ von klassischen Industrieunternehmen für die umgebende Volkswirtschaft: offensichtlich würde sie aus kreislauftheoretischen Gründen zum vollständigen Erliegen und zum Stillstand kommen, denn den vollautomatisierten Unternehmen fehlte ja die kaufkräftige Nachfrage zum Absatz ihrer Erzeugnisse, und den beschäftigungslosen Haushalten das Einkommen.

Wenn es sich bei der „Vollautomation des Unternehmens“ nun per definitionem auch nur um eine gedanklich konstruierte Fiktion handelt, mit deren alsbaldiger Erreichung in aller Vollkommenheit nicht zu rechnen ist, mehren sich in letzter Zeit aber doch wieder die Stimmen, die vor einem Ansteigen technologischer Arbeitslosigkeit warnen, und hier – zur Erreichung eines erwünschten volkswirtschaftlichen Zustandes von „Arbeitsfreiheit“ statt Arbeitslosigkeit – zu politischen Korrekturmaßnahmen wie etwa Arbeitszeitverkürzungen, oder Transferleistungen unter dem Titel „Grundeinkommen“ raten. Da es sich bei diesen Produktivitätssteigerungen aber eben um einen progressiven Prozess handelt, ist der Moment gewissermaßen schon eingebaut, mit dessen Erreichen die erforderlichen Transferleistungen oder Arbeitszeitverkürzungen einen solchen Umfang erreichen müssten, dass es zunehmend aussichtlos erscheinen würde, den politischen Willen bzw. die erforderliche Gestaltungsmacht hierzu realisieren zu können.

Wie sähe dies nun aus innerhalb des Paradigmas der Digitalen Fabrikation?

Als eines der Charakteristika der Digitalen Fabrikation war oben genannt worden: “Manufacturing will evolve towards a global distribution of digital designs and specification files that will form the basis of local production”. Die Ökonomie hätte es also mit einer vollkommen anderen Basis-Architektur der wirtschaftlichen Mittelbeschaffung zu tun: statt der Produktion in spezialisierten gewerbswirtschaftlich operierenden Unternehmen und der Allokation der Güter über Märkte und Preise, gäbe es hier einen global verfügbaren Speicherort für Design-Files, die dann in lokaler Produktion zu Produkten instanziiert werden können. Sofern diese technische „Hardware“ allgemein zur Verfügung steht, in diese also rechtzeitig öffentlich investiert worden ist, und sofern die „Software“, also die Design-Files frei zur Verfügung stehen („Open-Source“), und sofern weiter die benötigte Energie zur Verfügung steht, entstünde das beschriebene Kreislaufproblem mit Stillstand der Marktökonomie eben nicht: wenn unterstellt wird, dass die maschinelle Ausstattung und Kapazität ausreichend sind, eine bestimmte volkswirtschaftliche Nachfrage eben vollständig maschinell zu bedienen, so wie dies die Idee der „Vollautomation des Unternehmens“ ja auch unterstellt, so wäre unter der Voraussetzung der System-Architektur mit globaler Verfügbarkeit von Design-Files und lokaler Produktion das ökonomische Problem sozusagen gelöst. Während unterstellte technische Vollkommenheit im marktwirtschaftlichen Paradigma also sozusagen in die Sackgasse der kooperationsunfähigen (oder zwangsweise überproduktiven) Ökonomie führen würde, würde technische Vollkommenheit im Paradigma der Digitalen Fabrikation – als dessen „regulatives Prinzip“ – eben zu diesem Zustand von „Arbeitsfreiheit“ führen, jedenfalls so weit maschinell exekutierbare menschliche Arbeit betroffen ist. Um noch diese Bemerkung hier anzufügen: da ein weiter Bereich notwendiger Arbeit jenseits der materiellen Produktion bestehen bleiben wird und auch neue Nachfrage und neue Arbeit entstehen dürfte (Stichwort Tertiarisierung), wird eine zu erwartende „Arbeitsfreiheit“ auch unter diesem Paradigma in Wirklichkeit eine Verlagerung des Beschäftigungsschwerpunktes in tertiäre Beschäftigung darstellen, die aber anders möglicherweise nicht zu erreichen sein wird.

Politische Werte und Ziele

Die SPD war während des weitaus größten Teils ihrer bisherigen Geschichte eine Arbeiterpartei; der 150-jährige Geburtstag der SPD im vergangenen Jahr gab Anlass, daran zu erinnern. Eine Arbeiterpartei vertritt die Interessen der Arbeiter und Angestellten in einer sich entwickelnden Industriegesellschaft, in der der industrielle Herstellungsprozess die Mitwirkung von „Armeen“ von arbeitenden Menschen verlangt. Emanzipatorische und fortschrittliche Politik hieß unter diesen Bedingungen: Wahrnehmung der Interessen der abhängig Beschäftigten, in prinzipiellem Konflikt mit den Interessen der Kapitaleigner und Arbeitgeber, durch Gestaltung humaner Arbeitsbedingungen in den Betrieben, durch Durchsetzung angemessener Bezahlung und Sozialleistungen, und durch Schaffung sozialer Sicherheit und des gesellschaftlichen Klimas eines stabilen modernen Sozialstaats.

Was ist heute emanzipatorische Politik? Der durch Digitale Fabrikation sich andeutende Paradigmenwechsel bedeutet: allmähliche Ablösung der Massenfabrikation, des „Push to Market“-Prinzips und der damit verbundenen Verschwendung auf Produktions- wie auf Konsumseite, Ablösung von Ressourcenverschwendung und Umweltbelastungen durch unnötige Logistik und irrwitzige Transportwege. Es bedeutete darüber hinaus in der Tat auch eine allmähliche Emanzipation von den urwüchsigen Zwängen der „Heteronomie der wirkenden Ursachen“, der prädominanten Knappheit der Überlebensmittel und vieler Zwänge der wirtschaftlichen Mittelbeschaffung überhaupt. Statt Wachstum, Wettbewerb und Vollbeschäftigung, was entweder immer unsinniger oder immer unmöglicher zu werden scheint: eher Suffizienz, nachhaltiges, begrenztes und rationales Produkt, und Verlagerung des Beschäftigungsschwerpunktes in „tertiäre“, eher kreative und weniger industrielle Beschäftigung.

Wären dies nicht Werte, die in der Tat ein erstrebenswertes Ziel eines sozialdemokratischen Weges nach „Vorwärts“ markieren?

Der Bericht des DIGINOVA-Projekts macht durchaus auch deutlich, dass noch ein langer Weg zu gehen ist. Es sind eine Reihe technischer Herausforderungen identifiziert worden, die noch zu überwinden wären. Es ist auch eine politische und schulische bzw. universitäre Agenda formuliert worden, um den Gegenstand der Digitalen Fabrikation an Schulen und Universitäten als Curricula zu etablieren; ferner geht es auch um die Schaffung eines rechtlichen Rahmenwerkes, denn die so skizzierte Digitale Fabrikation von funktionsfähigen Geräten und Applikationen führt auch zu einem neuartigen und erweiterten rechtlichen Regelungsbedarf, ganz zu schweigen von den bereits viel diskutierten Problemen um Copy Rights.

Gegenwärtig sind die USA auf diesem Gebiet mit weitem Abstand führend. Auf dem Gebiet der Software-Entwicklung sind hierzulande ja immerhin international anerkannte Spitzenleistungen gelungen (etwa durch die Walldorfer Softwareschmiede SAP), aber – 2D war gestern, die Zukunft liegt in der Programmierung des 3-Dimensionalen.

In diesem Sinne: Viva la Revolution digital – für digitalen Fortschritt!