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Gastbeitrag: Das Volk der Dichter und Denker und die Informatik

Autor: Ludger Humbert, Bergische Universität Wuppertal, Didaktik der Informatik

Da leben wir in einer Welt, die sich immer weiter von unserer dinglichen
Vorstellung entfernt.
Da glauben wir ernsthaft, dass wir mit einem hexadezimalen Bildungspluralismus
den Anforderungen an die Zukunft unserer Kinder erfolgreich begegnen.

Heute entscheiden eben nicht mehr Kohle, Stahl, Elektronik, Chemie,
sondern Strukturen, die die Prozesse kontrollieren.
Diese Strukturen werden durch Informatikmittel und Informatiksysteme
realisiert.

In wenigen Jahren schon wird nicht mehr die Automarke, sondern das
Betriebssystem des Autos entscheiden, also werden wir nicht mehr fragen:
»Welches Auto fährst Du?« sondern »Welches Betriebssystem hat Dein Auto?«.

Schulfächer, die Schüler befähigen, eine durch Erwerbstätigkeit auch finanziell
erfolgreiche Zukunft gestalten zu können, gelten nach wie vor als fragwürdig.
Diese Sicht werden wir überwinden.

Informatik ist mit ihren Denkweisen überall angekommen, ja – sie hat bereits
übernommen: jede Regung, jede Arbeit, jede Form menschlicher Äußerungen wird
mit informatischer Modellierung abgebildet in Denkzeuge:
Apps, Gadgets, Informatiksysteme, …

Informatische Mündigkeit, Informatische Selbstbestimmung, Informatische
Aufklärung, … – Fehlanzeige.

Ändern wir dies! Stellen wir die Informatische Aufklärung in das Zentrum der
Bildungsbemühungen. Alle Lehrkräfte, alle Erzieher*innen – ja ALLE – müssen
informatisch gebildet sein. Nur dann können sie die Werkzeuge der Informatik
verantwortlich in Bildungsprozessen einsetzen.

Alle Schülerinnen und Schüler müssen informatisch gebildet werden.
Nur dann können sie die Werkzeuge der Informatik verantwortlich in ihrem
Leben einsetzen.

Die Ausgestaltung der informatischen Bildung umfasst immer die Ermöglichung
der informatischen Modellierung, spricht, die Erzieher*innen, die Lehrkräfte
und die Schüler können damit alle auch programmieren – und zwar nicht in
abgeschlossenen Umgebungen, sondern sie können selbst Funktionen von
Informatiksystemen erweitern, ändern, anpassen – und eben nicht nur den
Bildschirmhintergrund ändern.

Wie wir uns das für die Schule vorstellen, ist in den Empfehlungen für
Bildungsstandards Informatik der Gesellschaft für Informatik dargestellt.
Wie wir das in der Lehrerbildung umsetzen, zeigen wir regelmäßig in der
Ringveranstaltung Informatik im Alltag.

Gastbeitrag: Zehn Thesen zu einem zeitgemäßen Informatikunterricht

von Sven Alisch und Prof. Dr. Norbert Breier.

Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien prägen die Lebenswelt junger Menschen nachhaltig und verlangen neue, weitreichende Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien und informationsverarbeitender Technik. Sie sind sowohl für den Einzelnen zur Lebensbewältigung und gesellschaftlichen Partizipation als auch für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland von zentraler Bedeutung.

Die CDU, CSU und SPD haben deshalb folgerichtig im Koalitionsvertrag die Absicht verankert, „einen zeitgemäßen Informatikunterricht ab der Grundschule“ zu fördern und „nach dem Vorbild der Eliteschulen des Sports mit den Ländern Gespräche aufzunehmen, um die Einführung von Profilschulen IT/Digital mit dem Schwerpunktprofil Informatik“ anzuregen.

Was aber ist ein zeitgemäßer Informatikunterricht?

In den folgenden zehn Thesen wollen wir dazu unsere Positionen darlegen und so den Findungsprozess unterstützen. Wir erheben dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wollen vielmehr zum Nachdenken über zeitgemäßen Informatikunterricht anregen. Weiterlesen

Hamburg im Jahr des IT-Gipfel – Informatik braucht mehr Aufmerksamkeit!

D64 – Hamburg

Der Informatik mangelt es an Aufmerksamkeit – In Hamburg und in Deutschland.
Das war das Ergebnis der Diskussionsveranstaltung “Hamburg im Jahr des IT-Gipfel – Welchen Stellenwert hat die Informatik?“, zu der D64 ins Betahaus Hamburg geladen hatte.

Rund zwei Stunden lang diskutierten die vier geladenen Gäste – Matthias Schrader, CEO SinnerSchrader AG, Ina Reis, studentisches Mitglied im Fakultätsrat der Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften an der Uni Hamburg, Torsten Otto, Informatik-Lehrer, Sprecher der GI-Fachgruppe SH-HILL und Sanja Stankovic, Co-Founder Digital Media Women – und rund 60 Besucher unter Moderation von Nico Lumma über Probleme und Herausforderungen, vor denen man auch in Hamburg – noch immer! – steht. Die wachsende wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der fortschreitenden Digitalisierung scheint auch in Hamburg erkannt worden zu sein, die daraus folgenden Konsequenzen offenbar nicht.
Kürzungen am Lehrstuhl für Informatik der Universität Hamburg führen zu massiven Einschränkungen der Lehre, Schulen fehlt es an personeller und materieller Ausstattung um Informatikunterricht anbieten zu können, die Förderung von Medienkompetenz bei Grundschülern scheitert zum Teil schon daran, dass Schulrechner 15 Minuten oder länger zum Booten brauchen und Lehrer dürfen White-, bzw. Smartboards nicht verwenden, weil sie eine entsprechende Fortbildungsveranstaltung noch nicht besucht haben. Die am Abend geschilderten Probleme waren vielfältig.

Ein zentrales Problem, dass diese Hürden im Bildungsbereich nicht angegangen werden, liege aber auch an der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Informatik und verwandter Wissenschaften. Informatik sei viel mehr als ein Nischenthema, in dem weißbekittelte und sozial isolierte Menschen nachts in dunklen Kellern mit viel Fastfood arbeiteten. Die D64-Forderung nach Informatik als “Ersatz-Fremdsprache”  machte den Vergleich hierbei klar: Auch Latein lernten Kinder nicht, um die Sprache flüssig sprechen zu können. Vielmehr helfe Latein dabei, Transferleistungen in anderen gesellschaftspolitischen Fächern zu ermöglichen. Die Informatik ist hierbei nicht anders: Auch sie kann interdisziplinäre Leistungen erbringen, die in anderen Bereichen als Problemlösungsansatz fungieren und analytische Fähigkeiten von Kindern und jungen Erwachsenen fördern.
Die Informatik aus ihrem Nischendasein zu befreien, müsse zentral bei allen Anstrengungen sein, so eine Forderung des Abends. Das führe dann zu mehr politischem Verständnis und könne somit auch das Bildungssystem nachhaltig positiv beeinflussen.

Matthias Schrader formulierte treffend:

“Wir haben ein Bildungssystem für die Anforderungen des 19. Jahrhunderts, aber das versagt bei den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.”

So standen nach Abschluss der Diskussion Einzelforderungen und Erkenntnisse im Raum, die aber alle in eine Richtung gehen:

  •  Junge Frauen wünschen sich mehr Anregungen bereits in der Schule, sich doch mal die Informatik anzuschauen.
  • Lehrer wissen oftmals immer noch nicht wirklich, was Informatik soll und welcher Nutzen sich dadurch fächerübergreifend ermöglichen ließe.
  • “Bildungsbürgertum” und das Festhalten an tradierten Erziehungsmethoden und Lernkompetenzen bei Eltern verhindert größeren Stellenwert der Informatik.
  • Die Politik muss sich des Themas endlich stärker annehmen und Lippenbekenntnissen auch Taten folgen lassen. Die wirtschaftliche Bedeutung der Digitalisierung zu betonen, kann nicht ausreichen. Auch auf das Bildungssystem müssen diese Erkenntnisse übertragen werden.
  • Das Thema muss in allen gesellschaftlichen Bereichen vorangetrieben werden muss, damit die Informatik einen anderen Stellenwert bekommt.

In einer zweiten Veranstaltung sollen diese Forderungen dann noch einmal mit Vertretern der Hamburger Schulbehörden diskutiert werden. Die Einladung zu dieser Veranstaltung erfolgt zeitnah!