Anfang Juli hat D64 am DWebCamp in Brandenburg teilgenommen, wo sich ca. 600 Programmier:innen, Funder:innen und Aktivist:innen versammelten, um während einer Camp-Konferenz die aktuellsten Fragen der technischen Dezentralisierung zu diskutieren. Diese Community trifft sich seit ca. zehn Jahren in wechselnden Formaten auf Konferenzen, Camps und Tagungen in den Vereinigten Staaten, sowie jetzt zum ersten Mal in Deutschland. Als zivilgesellschaftliche Organisation, die im Bereich der Digitalpolitik arbeitet, war für uns der Austausch mit dieser Community interessant, denn er gibt uns zentrale Impulse für unsere Arbeit zum Projekt „Dezentralisierung als Wert und Praxis“, das wir 2026 gefördert von der Just Open Source Foundation durchführen.
Zentraler Aufhänger unserer Teilnahme am DWebCamp war der Workshop „Decentralization as Value: From Decentralized Tech to Democratic Control“, der mit über zehn Teilnehmenden der Konferenz stattgefunden hat. Vorausgegangen war dem Workshop eine Befragung mit Expert:innen aus deutschen Verwaltungen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ergebnis dessen sind vier Thesen, die wir mit dieser Community aus Entwickler:innen, Community Organizern und Forscher:innen diskutieren wollten.
Die erste These lautete, dass technische Dezentralisierung ohne Governance-Mechanismen neue Gatekeeper schafft, anstatt Macht zu verteilen: Wer Standards setzt, Hosting kontrolliert, Wartung übernimmt oder Finanzierung sichert, bestimmt weiterhin die Strukturen, wie sich in den Diskussionen um Blockchain ebenso wie im Fediverse zeigt. Die zweite These knüpfte daran an und argumentierte, dass Dezentralisierung Macht nur dann verschiebt, wenn Offenheit, Interoperabilität und Reversibilität als verbindliche Anforderungen verankert sind. Die dritte These ging einen Schritt weiter, indem dort festgestellt wird, dass öffentliche Institutionen ihren demokratischen Auftrag auf algorithmengesteuerten, kommerziellen Plattformen strukturell nicht erfüllen. Deshalb ist dezentrale Infrastruktur keine ideale Wunschvorstellung, sondern eine funktionale Notwendigkeit. Die vierte und letzte These stellte fest, dass das zentrale Hindernis für Dezentralisierung nicht technische Komplexität ist, sondern fehlender politischer Wille, gemeinsame Standards und Koordinationsstrukturen durchzusetzen.

Die Workshop-Diskussion knüpfte an die praktischen Erfahrungen der Teilnehmer:innen an. So wurde das Beispiel von Bitcoin als dezentraler Technologie genutzt, um zu diskutieren, wie fehlende demokratische Governance auch von Grund auf soziotechnisch als Infrastruktur gedachte Projekte gefährden kann, wenn sich Akteure mit großer Marktmacht durchsetzen. Auch das Beispiel des ehemals komplett Open Source entwickelten Android-Betriebssystems, in dem Google effektiv die technologische Entwicklung zentralisiert und bspw. bestimmte Third-Party-Apps in seinem Google Play Store blockiert, ist als Zeichen gewertet worden, dass Interoperabilität und Reversibilität nicht zu einer effektiven Machtverschiebung führen, wenn sie keine bindenden Anforderungen sind. Die umfangreichste Diskussion entspannte sich um die dritte These: Ob dezentrale Infrastruktur für öffentliche Institutionen eine funktionale Notwendigkeit oder eher ein angestrebtes Ziel ist, ob öffentliche Institutionen überhaupt der richtige Rahmen sind und welche Rolle community-getriebene Organisationen spielen könnten, das alles wurde aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert.
Fazit
Das DWebCamp war für D64 ein wertvoller Ort des Austauschs über Dezentralisierung. Die Rückmeldungen der Workshop-Teilnehmer:innen zu unseren Thesen haben uns wichtige Denkanstöße gegeben. Außerdem konnte D64 viele Ideen für kommende Projekte mitnehmen, sowie sich als internationaler Partner in der digitalpolitischen Zivilgesellschaft in Deutschland positionieren. Ein großer Dank an die organisierende Community hinter dem DWebCamp und an die Just Open Source Foundation, die uns dieses Projekt möglich macht.