Skip to content

10 Dinge, die Du über Mastodon wissen solltest

D64 betreibt seit kurzem eine eigene Mastodon-Instanz, zunächst nur für Mitglieder. Allgemein steigen die Nutzer:innen-Zahlen von Mastodon täglich stark. Wer hätte gedacht, dass Elon Musk 44 Milliarden US-Dollar dafür ausgeben würde, um Mastodon zu promoten? Jetzt, wo...
Sharepic von D64. Im linken Drittel steht vor weißem Grund "D64 Zentrum für Digitalen Fortschritt". In den rechten zwei Dritteln auf blauem Grund: "Einführung in Mastodon. Blogpost. d-64.social"

D64 betreibt seit kurzem eine eigene Mastodon-Instanz, zunächst nur für Mitglieder. Allgemein steigen die Nutzer:innen-Zahlen von Mastodon täglich stark. Wer hätte gedacht, dass Elon Musk 44 Milliarden US-Dollar dafür ausgeben würde, um Mastodon zu promoten? Jetzt, wo alle drüber reden, klärt D64-Mitglied Steffen Voß die wichtigsten Fragen.

1. Was ist Mastodon?

Komplizierter Satz: Mastodon ist ein dezentraler Kurznachrichtendienst, der auf dem offenen Protokoll ActivityPub basiert.

  • Kurznachrichtendienst“ heißt: So wie bei Twitter hat man nur eine begrenzte Zahl Zeichen zur Verfügung. In der Regel sind es 500: „Kurze Nachrichten“
  • Dezentral“ heißt: Wie bei E-Mail gibt es verschiedene Server, die aber untereinander kommunizieren können.
  • Protokoll“ heißt: Es ist festgelegt, wie Nachrichten untereinander ausgetauscht werden.
  • Offen“ heißt: Wer will, kann sich eigene Dienste ausdenken, die mit diesem Protokoll arbeiten. Das machen Leute tatsächlich. So gibt es mit Pixelfed einen Dienst, der das Protokoll eher nutzt wie Instagram. Man kann mit Mastodon-Accounts Pixelfed-Accounts folgen und umgekehrt. Alle diese ActivityPub-Dienste zusammen nennt man „Fediverse“.
  • Fediverse“ ist ein Kofferwort aus „Federation“ und „Universe“. Das hat nichts mit Star Trek zu tun. Der Austausch der Nachrichten unter den verschiedenen Servern nennt man Föderation.
  • Die Server werden „Instanz“ genannt.

2. Warum ist das so ansprechend?

Ein Mastodon-Account ist ein Schlüssel zum Fediverse. Du kannst damit mit Leuten kommunizieren, die alle möglichen Dienste nutzen. Du kannst damit Kanälen bei Peertube folgen. Das ist ein Video-Service. Versuch mal, mit Deinem Twitter-Account einem YouTube-Kanal zu folgen!

Dadurch, dass es dezentral ist, kann man sich immer mit Leuten zusammen tun und einen eigenen Server betreiben. Auf einem eigenen Server kann man seine eigenen Regeln machen. Man kann sogar die Zeichenzahl hochsetzen – oder runter! Vor allem aber kann man die Community auf einem Server so klein halten, dass sich Leute noch wirklich ehrenamtlich um die Moderation kümmern und User auf Fehlverhalten ansprechen können.

Wenn Leute sich nicht an die Regeln halten wollen, können sie umziehen. Oder man schmeißt sie raus. Dann müssen die sich einen neuen Server suchen. Nazis beispielswiese können damit keine größere Reichweite aufbauen, bis sie einen Server finden, der Nazikram zulässt. Zusätzlich kann man einfach ganze Instanzen blocken. Auch Instanzen können Instanzen blocken, sodass Nazi-Instanzen nach und nach den Anschluss ans restliche Fediverse verlieren.

Das ist auch schon passiert. Der US-Nazi-Kurznachrichten-Dienst Gab hatte sich gedacht, dass er eine größere Reichweite bekommen könnte, wenn er auf ActivityPub umstellt. Binnen kürzester Zeit stand er auf sämtlichen Blocklisten.

Durch die Instanzen ist Mastodon in kleinere Communities aufgeteilt, die bisher immer aufgepasst haben, dass alle nett zueinander sind. Die Atmosphäre war immer sehr angenehm.

Darüber hinaus ist alles Open-Source. Das mag in der Bedienung manchmal ein Nachteil sein, aber es gibt einfach tolle Features, die kommerzielle Anbieter nie machen würden. Du kannst einstellen, dass Deine Posts automatisch nach einiger Zeit gelöscht werden. Du kannst nachschauen, wem Du folgst, wer Dir folgt, bei wem das gegenseitig ist. Wann die Accounts das letzte Mal aktiv waren und ihnen massenhaft entfolgen, wenn sie ungenutzt sind.

Und weil es Open-Source ist, kann man einfach Verbesserungsvorschläge einbringen. Wer programmieren kann, kann selbst Verbesserungen beisteuern.

3. Wie kann ich mitmachen?

Du kannst Dir überlegen, ob Du tatsächlich eher den Twitter-Vibe haben willst, oder lieber so etwas wie Instagram, Reddit usw. Danach entscheidest Du, welchen Dienst Du nutzen willst.

Aber nehmen wir an, Du willst wirklich zu Mastodon, dann musst Du Dich jetzt entscheiden, auf welcher Instanz Du Dich registrieren willst.

Schwere Wahl? Ja, die hattest Du damals auch, als Du Dich für einen E-Mail-Provider entschieden hast. Nur ist hier die Wahl nicht zwischen Gmail und GMX sondern zwischen sueden.social und norden.social.

Es gibt thematische Instanzen (bspw. metalhead.club) und regionale (bspw. bonn.social) und allgemeine (mastodon.social). Das ist ganz nett aber auch nicht total wichtig. Und letztlich kannst Du mit Deinem Account umziehen, wenn es Dir nicht gefällt.

→ Als D64-Mitglied kannst Du einfach d-64.social nutzen.

4. Wie funktioniert es denn?

Du registrierst Dich wie bei jedem anderen Dienst, loggst Dich ein und legst los: Lade ein Profilbild hoch, schreibe ein wenig über Dich in der Bio. Dann solltest Du Leuten folgen und schlaue Sachen schreiben. Am besten als Erstes einen Beitrag mit dem Hashtag #neuhier, in dem Du Dich kurz vorstellst. Wenn Du nach dem Hashtag suchst, siehst Du, was andere Leute schreiben.

5. Welche Apps gibt es?

Wie bei Twitter früher gibt es mehrere Apps, die alle unterschiedliche Features haben.

Für Android und iOS gibt es die Mastodon-App. Die ist allerdings noch relativ neu und hat noch nicht so viele Features. Es gibt eine ganze Reihe weiterer Apps sowohl für iOS als auch für Android. Alle im Überblick gibt es auf der Mastodon-Website.

Ich komme gut mit Tusky für Android zurecht. Probier einfach aus, welche Dir am besten passt.

6. Was sind die Unterschiede zu Twitter?

Oberflächlich gesehen sind die Namen auf Mastodon ein großer Unterschied. Auf Twitter genügt @kaffeeringe, um mich zu finden. Auf Mastodon sieht das eher aus wie eine E-Mail-Adresse, damit Du mich auf „meiner“ Instanz findest: @kaffeeringe@social.tchncs.de – es kann also auf jeder Instanz einen @kaffeeringe geben. Gibt es auch: Meinen Account bei Pixelfed: @kaffeeringe@pixelfed.de.

Der Hauptunterschied aber ist: Es gibt keinen Algorithmus, der Dir immer die größten Aufreger raussucht, nach dem Motto „Leute, die sich über X aufgeregt haben, fanden auch Y schrecklich.“

Verschiedene Features fehlen in Mastodon – teilweise auf Basis bewusster Designentscheidungen. Beispielsweise gibt es keine zitierten Retweets. Die werden auf Twitter oft genutzt, um zu schreiben „Schaut, welch Blödsinn dieser Wicht schrieb!“ Dann geht die gehässige Diskussion unter dem Retweet los. Der Gedanke ist, dass die Diskussion netter verläuft, wenn sie nur als Antworten geführt wird und sich dadurch nicht aufsplittet.

Dann kann man in der Timeline nicht die Zahl der Reposts und Likes sehen. Es geht um Gespräche – nicht um Ruhm.

Es gibt keine Benachrichtigungen für Likes auf Antworten auf Eure Posts. Vielleicht ist Euch das auch schon einmal bei Twitter passiert, dass irgendwer eine blöde Antwort auf Euch schreibt und dann werdet ihr auch noch immer benachrichtigt, wenn andere das auch so sehen. Das gibt es bei Mastodon nicht.

Du kannst flexibel steuern, wer Deinen Post stehen kann: Öffentlich für alle, öffentlich, aber nicht über die Suche findbar, nur für Follower:innen sichtbar und nur für erwähnte Accounts sichtbar. Das letzte sind dann Direct Messages. Das Coole ist, dass man das in einer Diskussion wechseln kann. Ich bekomme häufig Antworten als Direktnachrichten. So kann man viel persönlicher diskutieren, ohne dass jemand reingrätschen kann.

Es gibt Content Warnings. Damit kann man Posts zunächst verbergen und mit einem Schlagwort versehen. Das wird bei Themen gemacht, die andere Menschen triggern könnten.

Insgesamt ist die Community sehr rücksichtsvoll.

7. Wie finde ich Leute?

Du kannst mit https://fedifinder.glitch.me/ Kontakte aus Twitter importieren, wenn die ihr Mastodon-Handle im Twitternamen, in der Bio oder in der URL stehen haben.

Es gibt dieses handgepflegte Verzeichnis: https://fedi.directory/

Ansonsten klicke mal auf Hashtags. Schau, wer da postet und folge einfach erst einmal allen, die interessant zu sein scheinen. Wenn die doof sind, kannst Du die nach und nach auch wieder rauskicken.

8. Was ist das mit der Timeline? Warum gibt es mehrere?

Es gibt Deine persönliche Timeline. Das sind alle öffentlichen Posts von Accounts, denen Du folgst. So wie die chronologische Timeline früher bei Twitter.

Es gibt die lokale Timeline. Das sind alle Posts von Accounts auf Deiner Instanz.

Und es gibt die globale Timeline, das sind alle Timelines der Accounts auf Deiner Instanz zusammengemixt.

Ich finde meine eigene Timeline interessant genug. Die beiden anderen sind nett zu haben. Aber vielleicht ist das noch einmal anders, wenn man aus thematischen oder regionalen Instanzen ist.

9. Wie finanziert sich Mastodon?

Jede Instanz wird von irgendwem betrieben. Teilweisen spendieren diese Leute den Server der Community. Einige sammeln Spenden. Wenn Du einer Instanz beitrittst, solltest Du mal schauen, wie Du den Betrieb unterstütze kannst, wenn Du es Dir leisten kannst.

Mastodon selbst wird von der Mastodon gGmbH entwickelt. Die sammelt bei Patreon Spenden. Derzeit steuern 3300 Unterstützer:innen über 16.000€ monatlich bei. Auch da könntest Du einen kleinen Betrag in den Hut schmeißen.

Oder einen großen.

10. Ich habe es probiert. Mir erscheint das langweilig. Wie soll sich das durchsetzen?

Ja. Der Algorithmus von Twitter, Facebook, Instagram & Co. funktioniert wie ein Spielautomat und triggert die menschlichen Instinkte. Das, was Du gerade langweilig findest, ist der Dopamin-Entzug. Auf Mastodon musst Du Dich mit den Menschen unterhalten – sie unterhalten nicht Dich.

Durchgesetzt hatte es sich in dem Moment, als zwei Leute daran Spaß hatten. Es ist ein Irrglaube, dass Unternehmen immer gleich die ganze Welt dominieren müssen oder als gescheitert gelten. Mastodon ist kein Unternehmen. Es ist eine Community. Wer daran Spaß hat, ist herzlich willkommen. Wer nicht dabei sein will, muss nicht dabei sein.

D64-Logo_RGB-Cyberschwarz_Quadrat

D64 – Zentrum für Digitalen Fortschritt

Informationen rund um den Verein werden durch den D64 Vorstand freigegeben und von der Geschäftsstelle publiziert.

Auch Interessant

Sharepic mit Porträtbild von Erik Tuchtfeld. Text: Die Vorratsdatenspeicherung ist vorerst Geschichte. Das ist ein Erfolg für die digitale Zivilgesellschaft und progressive Digitalpolitiker:innen. – Erik Tuchtfeld, Co-Vorsitzender

D64 begrüßt das Ende der Vorratsdatenspeicherung

Berlin, 10. April 2024: Der Verein D64 – Zentrum für Digitalen Fortschritt, der sich für progressive Digitalpolitik einsetzt, begrüßt die in der Presse berichtete Einigung der Regierungskoalition auf das Quick-Freeze-Verfahren und die Nicht-Einführung der Vorratsdatenspeicherung. Dazu...
weiterlesen
Bild: D64/Johann Lensing

Europa und das Kommunikationsgeheimnis: Es bleibt kompliziert

Es sah sehr gut aus im vergangenen Herbst: Die europäische Zivilgesellschaft hatte – so schien es – die anlasslose Überwachung sämtlicher digitaler Kommunikation, die „Chatkontrolle“, verhindert. Die spanische Ratspräsidentschaft hatte sich an dem Projekt die Zähne ausgebissen...
weiterlesen