Zum Anfang des Monats (#DIDit) schauen wir uns dieses Mal Bürosoftware an. Genauer: Warum das Dateiformat fast noch wichtiger ist als die Anwendung selbst.
Das Erstellen, Bearbeiten oder Sichten von Texten, Präsentationen oder Tabellen gehört sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext zum Alltag am PC, Laptop, Tablet oder Smartphone. Neben Browser und E-Mail-Client stellt die Arbeit mit Office-Anwendungen für die meisten Nutzenden die alltägliche Hauptbeschäftigung dar.
Von WordPerfect zu .docx
Die Geschichte dieser Anwendungen reicht bis in die Mitte der 1970er Jahre zurück. Viele heute noch bekannte Programme entstanden Mitte der 1980er Jahre, als günstigere Modelle und die ersten Betriebssysteme mit grafischen Benutzeroberflächen auch außerhalb von Unternehmen und Institutionen Verbreitung fanden.
Die Welt der Office-Anwendungen war früher sehr bunt. Populär waren Textverarbeitungsprogramme wie WordPerfect, WordStar und natürlich Microsoft Word, aber auch StarWriter und TextMaker. Bei den Tabellenkalkulationen erinnern wir uns mehr oder weniger nostalgisch an Visicalc, Multiplan, Quattro Pro und Lotus 1-2-3. Alle diese Programme hatten ein jeweils eigenes Datenformat. Ein Austausch von Dokumenten zwischen verschiedenen Programmen war letztlich nicht möglich.
Seit spätestens Ende der 1990er Jahre müssen die von Microsoft vorgegebenen Formate als eine Art Industriestandard angesehen werden. Die Spezifikationen dieser Dateiformate, zunächst im Wesentlichen .doc, .xls und .ppt, heute .docx, .xlsx und .pptx, waren und sind auf die Funktionalitäten des jeweiligen Microsoft-Produkts optimiert und nicht umfassend frei einsehbar und nachnutzbar. Das schränkt Drittanbieter und Entwickler freier Software stark ein. Um Kompatibilität herzustellen, haben Entwickler teilweise Reverse-Engineering betrieben, also aus der Dokumentation der Formate, der Funktionalitäten der Software sowie aus vorhandenen Beispieldokumenten auf Struktur und Bedeutung der Dateiinhalte geschlossen, um Import- und Exportfunktionen zu implementieren. Dass dabei nicht alle Details berücksichtigt werden können, ist klar. Inkompatibilitäten bleiben, die dazu führen, dass Dokumente nicht verlustfrei, Inhalt, Struktur und Layout betreffend, übernommen werden können.
OASIS und das OpenDocument-Format
Um die negativen Auswirkungen geschlossener Formate für den Markt und für Anwender zu überwinden, haben sich verschiedene Akteure zur „Organization for the Advancement of Structured Information Standards“ (OASIS) zusammengeschlossen. OASIS ist ein internationales, nicht gewinnorientiertes Konsortium, das unter anderem Standards zum Dokumenten- und Informationsaustausch entwickelt, fortschreibt sowie deren Verwendung überwacht. Nahezu alle großen Softwareunternehmen, aber auch Hardwarehersteller, öffentliche Institutionen und Forschungseinrichtungen gehören zu den Mitgliedern und Unterstützern.
Das „OASIS Open Document Format for Office Applications“ (kurz: OpenDocument oder ODF) gehört zu eben diesen quelloffenen Standards und ist seit 2006 durch die ISO normiert (ISO/IEC 26300). ODF spezifiziert XML-basierte Dateiformate für Bürodokumente wie Texte (.odt), Tabellendokumente (.ods) und Präsentationen (.odp). Da diese Formate frei und quelloffen veröffentlicht sind, können Entwickler sie ohne Lizenzkosten in ihre Anwendungen integrieren. Abhängigkeiten zu Dritten sind kaum gegeben, Einschränkungen beim Austausch von Dokumenten werden vermieden.
Die Anwendungen
LibreOffice
LibreOffice ist die bekannteste freie Office-Suite und die wichtigste Referenzimplementierung für ODF. Sie entstand 2010 als Abspaltung von OpenOffice.org und wird heute von der gemeinnützigen The Document Foundation weiterentwickelt. LibreOffice ist für Windows, macOS und Linux verfügbar und kostenlos nutzbar.
Das Paket umfasst Writer für Textverarbeitung, Calc für Tabellenkalkulationen und Impress für Präsentationen, außerdem Draw für Zeichnungen, Base als Datenbankfrontend und Math für Formeln. Writer, Calc und Impress verwenden standardmäßig die entsprechenden ODF und bieten umfangreiche Import- und Exportfunktionen für Microsoft-Formate und viele weitere. Wer LibreOffice nutzt, muss kein Benutzerkonto anlegen und keine Daten an Dritte weitergeben. Die Software läuft lokal auf dem eigenen Rechner.
LibreOffice ist unter der Mozilla Public License 2.0 veröffentlicht. Mehr Informationen und Downloads: https://www.libreoffice.org
Collabora Online
Collabora Online basiert auf LibreOffice und bringt dessen Funktionalität in den Browser, vergleichbar mit Google Docs oder Microsoft 365, aber selbst hostbar und auf ODF ausgerichtet. Die Lösung lässt sich unter anderem in Nextcloud-Installationen einbinden und richtet sich vor allem an Organisationen, die eine datenschutzkonforme Alternative zu kommerziellen Cloud-Diensten suchen.
Mehr unter: https://www.collaboraoffice.com
Neben den beiden genannten Anwendungen gibt es eine Reihe von weiteren Projekten aus diesem Bereich. Gerade entwickeln sich eine Reihe Online-Angebote aus dem öffentlichen Bereich wie OpenDesk des ZenDis aus Deutschland oder LaSuite aus Frankreich.
ODF im Deutschland-Stack
Auch im derzeit viel diskutierten Deutschland-Stack ist ODF neben PDF/UA als Dokumentenformat festgelegt. Derzeit lässt sich allerdings noch nicht absehen, welche föderale Reichweite, mit welcher Verbindlichkeit und Nachhaltigkeit der Stack insgesamt und damit diese Festlegung tatsächlich entfalten werden.
Offene Standards, digitale Souveränität
Offene Standards sind ein Dreh- und Angelpunkt, will man digitale Souveränität erlangen. Wer ein freies und offenes Format nutzt, ist auch frei in der Wahl der Software für eine bestimmte Aufgabe, ohne beim Austausch der Ergebnisse mit Dritten mit echten Problemen rechnen zu müssen. Eine Einigung auf offene Standards erhöht gleichzeitig den Druck auf Hersteller proprietärer, aber auch offener Software, diese umfassend zu unterstützen.
Grundsätzlich kann es natürlich auch bei offenen Standards beim Austausch leichte Probleme geben. Das kennen aber auch Nutzende von proprietärer Software: Dort treten vergleichbare Probleme etwa bei unterschiedlichen Versionen desselben Produkts auf, mit kaum nachvollziehbaren Abweichungen in Aussehen oder Funktion von Dokumenten. Wer andere Erfahrungen gemacht hat, werfe das erste Meme.
Dabei darf es keine Balkone im Sinne proprietärer Erweiterungen geben, für die auch offene Formate grundsätzliche Möglichkeiten bieten. Der Versuchung, diese zu nutzen, um sich vom Mitbewerb abzuheben, sollten Entwickler besser widerstehen.
In diesem Sinne: Offen bleiben. Format zeigen. 😉
Entstanden ist die Beitragsserie zum Digital Independence Day nach einer Idee unseres verstorbenen AG-Co-Koordinators Oswald Prucker. D64 ist Partnerorganisation des DI.DAY.