Am Donnerstag, 18.06.2026, durften ein rund 20-köpfiger Mix aus Mitgliedern der Heinrich-Böll-Stiftung und von D64 gemeinsam auf dem Mainzer Lerchenberg das ZDF besuchen. D64-Mitglieder Ramona Casasola-Greiner und Maximilian Gahntz berichten vom Besuch.
Teil 1: Die Studioführung
In der grünen Hölle: Das heute-Studio
Den Auftakt machte eine Führung durch die Studios der heute-Nachrichten und des heute journals – von den Mitarbeiter:innen intern als „grüne Hölle“ bezeichnet. Empfangen wurden wir von Claudia Roland, Leiterin der heute-Redaktion, sowie der technischen Leitung des ZDF Digital Studios, Kristina Kaiser.
Was auf den ersten Blick wie ein sehr übersichtlicher grüner Raum mit aufgeräumtem Moderationspult wirkt, entpuppt sich als vielteiliges, unter permanentem Zeitdruck operierendes System.

Ein Greenscreen ist deshalb „green“, weil Grün diejenige Farbe ist, die sich am seltensten in Kleidung wiederfindet. Der Raum ist außerdem so riesig, damit das Grün der Wände sich nicht auf dem Körper der Moderierenden reflektiert und ungesunde Gesichtsfarben entstehen lässt. Die Größe und Wölbung des Greenscreens ist aber auch akustisch motiviert, damit der Schall nicht auf die Moderierenden zurückgeworfen, sondern nach oben abgeleitet wird. Aufgenommen wird der Ton vor allem über Ansteckmikros; für technische Ausfälle gibt es dann auch noch Tischmikros.
Damit bei der Aufzeichnung alles perfekt ist, gibt es im Studio auch Dummies, also schaufensterpuppenähnliche Attrappen, mit denen die technischen Kolleg:innen neue Formate und Lichteinstellungen ausprobieren können, ohne echte Moderator:innen damit belästigen zu müssen.
Zeitdruck, Sorgfalt und Hilfe
Bei den heute-Nachrichten sind Moderationen auf etwa 20–30 Sekunden begrenzt; bei den Magazinformaten kann eine Moderation schon mal eine Minute dauern. In der Regel folgen die Moderierenden vorab verfassten Texten vom Teleprompter, damit die strengen Zeitvorgaben der Sendung auch sicher eingehalten werden. Frei gesprochen wird eigentlich nur bei Live-Interviews. Diese sind zwar das bevorzugte Interviewformat, kommen aber nur zustande, wenn die zu befragenden Personen kurzfristig (und entsprechend den Formatzeiten oft auch erst nach 21 Uhr) verfügbar sind. Ist das nicht der Fall, werden Statements vorab produziert, aber so knapp wie möglich vor der Sendung, um den jeweils aktuellsten Stand in der Sendung zu haben. Über die Inhalte entscheidet die CvD, die Chef-vom-Dienst-Funktion; die Endverantwortung liegt bei der Redaktion.
Alle Informationen in den Sendungen sollen verifiziert sein, bevor sie auf Sendung gehen. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht mehr, wenn über Breaking News innerhalb von Minuten entschieden werden muss. Wie wichtig das ist, haben die jüngsten Vorfälle beim ZDF gezeigt, weshalb inzwischen mit doppelter Vorsicht die Überprüfung von Inhalten stattfindet.
Die Robotik im Studio unterliegt strengen Sicherheitsvorgaben und die Besucher dürfen sich den technischen Geräten auch nur bis zu einem gewissen Abstand nähern, sonst wird ein Alarm ausgelöst; Fotografieren war in bestimmten Bereichen explizit nicht erlaubt.
Hinzu kommt der alltägliche Druck auf die Redaktionen: Desinformationskampagnen, koordinierter Kulturkampf gegen öffentlich-rechtliche Medien, Arbeitsverdichtung sowie die Inhalte der Nachrichten selbst: Die politischen Entwicklungen, die Kriege und das ungefilterte Bildmaterial, mit dem sich die Redaktionen auseinandersetzen müssen, belasten Körper und Psyche. Das ZDF hat darauf reagiert und das psychologische Hilfeangebot für Mitarbeiter:innen der Nachrichtenredaktionen ausgebaut.
ZDFheute live: Das neue Onlinestudio
Anschließend besichtigten wir das vollautomatisierte Nplus-Studio – ein reines Digitalstudio für das neue Format ZDFheute live, das jeweils ein Thema in der Tiefe bespricht.

Die Zahlen, die hier genannt wurden, sind bemerkenswert: Die klassische heute-Sendung um 19 Uhr erreicht nach wie vor rund drei Millionen Zuschauer:innen. ZDFheute live kommt im Stream auf rund 500.000 Abrufende – mit einem signifikant jüngeren Publikum. Der Großteil dieser Streams läuft über YouTube. Das Paradox, das darin steckt, ist dem ZDF bewusst: Ein Format, das eine Alternative zu algorithmisch gesteuerten Plattformen sein soll, ist für seine Reichweite strukturell von eben diesen Plattformen abhängig.
Das Studiopersonal im Nplus-Studio ist bewusst schlank gehalten – die Verantwortlichkeit liegt vollständig bei der ZDF-Redaktion, die Inhalte müssen unmittelbar sendefähig sein. Das ZDF, so wurde betont, ist kein Nachrichtensender im klassischen Sinne, wie bspw. CNN, aber auch mit schlankerer Personalstruktur soll die Reaktionsfähigkeit erhalten bleiben. Dennoch gilt: Sorgfalt vor Geschwindigkeit.
Teil 2: Inhaltliche Diskussionen
Im Anschluss an die Studioführung gab es Hintergrundgespräche zu Digital-Themen wie den CC-lizensierten Inhalten von TerraX, unter anderem auf der Wikipedia, sowie zu aktuell für das ZDF wichtigen medienpolitischen Debatten, wie zum Beispiel der Klage von ZDF und ARD zur Rundfunkfinanzierung vor dem Bundesverfassungsgericht oder den Folgen einer potenziellen AfD-Landesregierung in Sachsen-Anhalt. Ebenso berichtete Robert Amlung, Senior Innovation Advisor in der Direktion AUDIENCE, vom Public Spaces Incubator, einem gemeinsamen Projekt mit internationalen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.
ZDF-Inhalte auf Wikipedia: Das TerraX-CC-Modell
Das ZDF veröffentlicht seit 2019 Kurzclips des Wissensformats TerraX unter Creative Commons-Lizenzen. Die Clips – grafisch aufbereitet, wissenschaftlich fundiert – werden seitdem in Wikipedia-Artikeln eingebettet, können heruntergeladen und weiterverwendet werden. Monatlich werden diese Videos über 1,5 Millionen Mal auf Wikipedia abgerufen. 2021 wurde das Angebot mit der WikiEule ausgezeichnet, dem Preis der deutschsprachigen Wikipedia-Community.
Was zunächst wie ein nettes Outreach-Projekt klingt, ist tatsächlich eine grundsätzliche Positionierung: Das ZDF bekennt sich mit diesem Schritt zum Prinzip „Öffentliches Geld, öffentliches Gut“ und stößt dabei gleichzeitig an institutionelle Grenzen: Lizenzfragen, Persönlichkeitsrechte, urheberrechtliche Einschränkungen durch externe Produktionsfirmen und die engen Vorgaben der Rundfunkstaatsverträge machen es schwer, mehr Inhalte in dieser Form freizugeben. Das TerraX-CC-Angebot ist daher derzeit Modell und Ausnahme zugleich.
Medienpolitische Hintergrundgespräche
Zwei Entwicklungen standen hier im Mittelpunkt:
ARD und ZDF haben Verfassungsbeschwerde eingelegt, nachdem die Länder die von der KEF 2024 empfohlene Erhöhung des Rundfunkbeitrags von 18,36 auf 18,94 Euro zum 1. Januar 2025 nicht umgesetzt hatten. Über die Beschwerden verhandelt das Bundesverfassungsgericht am 23. Juni 2026. Im Zentrum steht die Frage, unter welchen Voraussetzungen die Länder von KEF-Empfehlungen abweichen dürfen. Die Antwort könnte die Finanzierungssystematik des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf Jahre hinaus prägen.
AfD und öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Sachsen-Anhalt: Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt künftig an einer Regierung beteiligt ist oder diese sogar anführt, kann dies große Auswirkungen auf den ÖRR haben. Prinzipiell gibt es zwei mögliche Szenarien, die derzeit diskutiert werden:
- Sachsen-Anhalt könnte einzelne Medienstaatsverträge kündigen (gemäß den Kündigungsfristen). Welche praktischen Folgen ein Ausscheiden Sachsen-Anhalts aus einzelnen Verträgen hätte, ist rechtlich nicht abschließend geklärt. Die Auswirkungen auf Finanzierung, Verbreitung und Organisation des MDR wären vermutlich Gegenstand längerer politischer und juristischer Auseinandersetzungen.
- Ein zweites Szenario ist, dass die AfD einen neuen Staatsvertrag blockieren könnte. Staatsverträge im Medienbereich bedürfen der Zustimmung aller 16 Landesregierungen und im zweiten Schritt aller Landesparlamente. Verweigert ein Land seine Zustimmung, könnten Reformen oder Neuregelungen also scheitern. Die bestehende Rechtslage (z. B. der aktuell geltende Medienstaatsvertrag) würde jedoch grundsätzlich fortgelten, solange kein neuer Staatsvertrag in Kraft tritt. Die unmittelbaren Folgen wären daher in erster Linie politische und institutionelle Blockaden, nicht das automatische Außerkrafttreten der geltenden Regelungen.
Das ZDF nimmt diese Szenarien ernst. Dr. Lutz Köhler, Leiter der Abteilung Medienpolitik, resümiert die Debatte treffend mit: „Wir als ÖRR kommen jetzt genau in die Phase, für die wir nach 1945 gegründet wurden.“
Der Public Spaces Incubator
Der letzte Themenblock widmete sich dem Public Spaces Incubator (PSI), einer der wahrscheinlich interessantesten Initiativen, die aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in den letzten Jahren hervorgegangen sind.

Der PSI ist ein internationales Forschungs- und Entwicklungsprojekt: Seit 2023 haben sich ZDF, CBC/Radio-Canada (Kanada), RTBF (Belgien) und SRG SSR (Schweiz) zusammengeschlossen, um technische Lösungen für konstruktivere Online-Diskurse zu entwickeln und zu testen. Seit Oktober 2024 sind ARD und ABC (Australien) ebenfalls Teil des Projekts. Ziel ist es, auf den eigenen Plattformen digitale Räume zu schaffen, in denen Nutzer:innen jenseits von Hasskommentaren und algorithmischer Polarisierung miteinander diskutieren können, als echte Alternative zu den großen privatwirtschaftlichen Social-Media-Plattformen.
Fazit: Ein Sender, der seine Widersprüche kennt
Für uns hat sich das Bild eines Senders ergeben, der sich sehr eingehend damit beschäftigt, wie er seinem gesetzlichen Auftrag auch in heutigen Zeiten gut nachkommt, und sich gleichzeitig mit einer Reihe von Spannungsfeldern konfrontiert sieht.
Die Netzwerkstrategie des ZDF, in die der PSI eingebettet ist, macht das zugrundeliegende Dilemma explizit: Das ZDF will öffentliche digitale Infrastruktur mitgestalten und investiert in Angebote, die eine Alternative zu dominanten Plattformen bieten sollen. Gleichzeitig ist das ZDF von diesen aber auch massiv abhängig und für Reichweite, Sichtbarkeit und die Erreichbarkeit jüngerer Zielgruppen auf Google, YouTube, Microsoft und OpenAI angewiesen: Die Cloud läuft auf Google-Infrastruktur, die Enterprise-Werkzeuge auf Microsoft, KI-gestützte Inhaltsmoderation auf Modellen von Google und OpenAI. YouTube ist der entscheidende Distributionskanal für ZDFheute live.
Es besteht grundsätzlich der Wille, auch im digitalen Raum neue Angebote zu schaffen und dem Leitsatz „Öffentliches Geld, öffentliches Gut“ zu folgen, um den Auftrag des ZDF proaktiv auszufüllen. Jedoch stößt man dabei immer wieder an rechtliche Grenzen, was zum Beispiel Urheber- und Persönlichkeitsrecht angeht, aber auch die Grenzen dessen, was den Staatsverträgen zufolge möglich ist.
Dem bestehenden Anspruch an qualitativ hochwertige und objektive Berichterstattung stehen außerdem wachsender politischer Druck, eine immer düsterer werdende Nachrichtenlage und eine enorme Arbeitsverdichtung entgegen, was u. a. den Ausbau psychologischer Hilfeangebote für Mitarbeiter:innen der Nachrichtenredaktionen notwendig machte.
Zuletzt bedarf es für den Aufbau und die Weiterentwicklung digitaler Angebote natürlich diverser Ressourcen, die den ZDF-Sparzwängen und einer Politisierung des Prozesses zur Beitragsermittlung gegenüberstehen.
Es bleibt spannend.
Vielen Dank an Raewyn Leipold-Olszówka, Hannah Eller, Corinna Vetter (Referentin Digitale Ordnungspolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung und D64-Mitglied) und Erik Tuchtfeld, die den Besuch möglich gemacht haben!
Wir geben unseren Mitgliedern die Möglichkeit, wichtige digitalpolitische Themen auf unserem Blog zu kommentieren sowie zu Veranstaltungen zu berichten. Diese Beiträge entstehen aus der breitgefächerten Expertise unserer Community heraus – verfasst in ehrenamtlicher Kapazität als persönliche Einschätzungen, die nicht zwingend Vereinspositionen widerspiegeln.