Digitale Teilhabe ist etwas, das im Alltag von Menschen entschieden wird, also in Beratungsgesprächen, in Vereinsbüros, in Behörden und in all den denkbaren Momenten dazwischen. Mit unserem Format Footprints wollen wir zeigen, was in den Debatten über Digitale Transformation oft zu kurz kommt, und das mit einem klaren regionalen Fokus, von der Organisation bis zur Auswahl der Gäste. Am 17. Juni haben wir in Mainz Sichtbarkeit dafür geschaffen und explizit auch Menschen eingeladen, die nicht Mitglied bei D64 sind. Trotz schwüler dreißig Grad kamen rund 30 Personen ins Bürgerhaus Lerchenberg, das wir bewusst als barrierefreien Veranstaltungsort gewählt haben.
Zu Gast waren Pia Jahnke von JUMP (Junge Menschen mit Perspektive) und ehemalige Landesjugendbeirätin, Helga Handke, seit 2018 ehrenamtliche Digital-Botschafterin in Mainz, und Olga Loseva von Die Sputniks e.V., der Vereinigung russischsprachiger Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen in Deutschland. Moderiert hat Tatiana Muñoz, Mitglied von D64, die ein offenes Format für den Abend gestaltete.
Die drei Panelistinnen haben Einblicke aus ihrer konkreten regionalen Arbeit mitgebracht und konnten aus Gesprächen mit betroffenen Personen berichten, die dem Abend eine Unmittelbarkeit gaben, die man in Paneldiskussionen selten findet. Thematisch kreiste die Diskussion um Assistenzsysteme und inklusive Digitalpolitik, um Betroffenenperspektiven und um die Frage, welche Rolle lokale Netzwerke dabei spielen können.
Pia Jahnke berichtete:
Was ich erlebe, ist, dass Texte nicht vorgelesen werden können und nicht in leichter Sprache geschrieben sind. Entweder haben sie jemanden, der ihnen hilft, aber oft waren sie aufgeschmissen und kamen nicht an die Information.

Helga Handke betonte:
Ich erlebe, dass Menschen keinen Termin machen können, kein Busticket kaufen können, dass sie die ePA nicht benutzen können. Ich könnte ewig so weitermachen. Es gibt immer mehr Möglichkeiten, die man nur digital wahrnehmen kann. Viele ältere Leute haben das nicht und verstehen das nicht. Das ist auch der Punkt, an dem sie nicht teilhaben wollen. Es geht um banale Dinge wie zum Arzt gehen. Das ist Ausschluss. Und dann gibt es Beispiele, wie man wieder teilhaben kann. Man muss dazu offen sein und sein Handy auch benutzen. Wenn sie meinen Kurs machen, ist das Erste, was ich feststelle: 50 % der Handys können kein Update mehr machen.

Olga Loseva hielt fest:
Messenger und Video-Calls sind wichtig für die Kommunikation. Es gibt zum Glück Übersetzungsfunktionen, die alle Migrant:innen für ihre Sprache nutzen können. Aber wenn man spezielle Fachbegriffe nicht kennt, kann man sie nicht verstehen. Direkte Übersetzung verwirrt manchmal, weil Begriffe eine andere Bedeutung haben. Rente heißt zum Beispiel Behindertenhilfe. Mit KI ist das besser.
Auch die Motivationen, sich zu engagieren, wurden an dem Abend greifbar. Olga Loseva brachte ihre Motivation schlicht auf den Punkt: der Gedanke, heute anderen Familien zu helfen und morgen selbst Unterstützung zu bekommen.
Fishbowl inklusive
Die Moderatorin Tatiana Muñoz hat sich bewusst gegen ein klassisches Podiumsformat entschieden, das bestimmte Stimmen stärker bevorzugt und andere im Dunkel des Publikums belässt. Stattdessen haben wir auf das bewährte Format Fishbowl gesetzt, bei dem einige Personen im inneren Kreis sitzen und das Gespräch führen, während der äußere Kreis zuhört. Ein Platz im inneren Kreis bleibt immer frei und ist für das Publikum reserviert. Jede Person aus dem Publikum kann jederzeit aufstehen, den freien Platz einnehmen und Teil der Diskussion werden. Das Ergebnis war ein Abend, der sich nicht wie eine Veranstaltung anfühlte, bei der man nur passiv zuhört, sondern wie ein Gespräch, an dem man aktiv teilnimmt und ein Netzwerk schafft, das es vorher noch nicht gab.

Ein ehrenamtlicher Abend
Dass diese Veranstaltung überhaupt stattfinden konnte, ist vor allem unserem Mitglied Oliver Pfleiderer zu verdanken. Er hat die Organisation federführend übernommen und dabei nicht nur die Raumbuchung in Zusammenarbeit mit dem regional aktiven Verein Arque e.V. unterstützt, sondern auch die inhaltliche Gestaltung des Abends, in Absprache mit dem ehrenamtlichen Vorstand von D64 und der Geschäftsstelle, verantwortet. Über sein gewachsenes regionales Netzwerk konnte er ein Panel zusammenstellen, das unterschiedlichere Perspektiven kaum hätte sein können. Im Anschluss entstand reger Austausch über regionale Vernetzungsangebote, neue Kontakte inklusive.
Oliver schloss den Abend mit den Worten:
Die Panelistinnen haben drei unterschiedliche Sichtweisen auf digitale Teilhabe, aber auch Gemeinsamkeiten. Wir müssen zwischen unterschiedlichen Gruppen differenzieren. Ältere Menschen sind nicht mit digitalen Technologien aufgewachsen. Gleichzeitig werden Menschen mit Behinderung oft nicht als digitale Natives wahrgenommen.
Footprints ist ein Format von D64. Mehr Infos unter d-64.org/footprints/