Von Open Source bis zum freiwilligen digitalen Jahr: Digitales Ehrenamt anerkennen und fördern!

Digitaltag 2022: Digitales Ehrenamt stärken

Wird „Ehrenamt“ erwähnt, entsteht sicherlich zunächst das Bild des Jugendtrainers im Sportverein oder der engagierten Lokalpolitikerin. Dass sich ehrenamtlich Menschen digital zusammenschalten, wird leider eher nur als Hobby oder Freizeitaktivität gesehen. Doch im digitalen Ehrenamt entsteht ein gesellschaftlicher Nutzen, für den Bewusstsein geschaffen werden muss. Digitales Ehrenamt wird nur schwierig sichtbar und auch definierbar. Durch diese Definitionslücke, insbesondere im politischen Bereich, kann auch eine gezielte Förderung kaum gelingen. Anlässlich des Digitaltags 2022 ist eine breite Debatte, was digitales Ehrenamt in seiner Fülle eigentlich bedeutet, daher längst überfällig.

Digitales Ehrenamt anerkennen

Zivilgesellschaft lebt von engagierten Freiwilligen. Digitales Ehrenamt ermöglicht sehr vielen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen Mitgliedervereine wie D64 zu gestalten. Es geht dabei weniger darum, wer möglichst viel synchrone Zeit, zum Beispiel bei wöchentlichen Treffen einbringen kann. Mitarbeit ist ortsunabhängig und mit selbst gewählten Zeiteinsatz und auf verschiedene Arten möglich. Manche Mitglieder schreiben zum Beispiel regelmäßig eigenverantwortlich einen Ticker zu digitalen Themen, andere erstellen in Arbeitsgruppen Positionspapiere, andere wieder bringen ihre technische Expertise bei Bedarf ein oder beteiligen sich an internen Umfragen. Organisiert wird das bestenfalls mit kollaborativen Open Source Tools in einem digitalen Vereinsheim. Neue Gesichter sind dabei stets willkommen!

Digitales Ehrenamt ist aber nicht auf klassische Vereine begrenzt: Wer Inhalte kuratiert, im Netz Wissen der Öffentlichkeit zugänglich macht, Open Source Software entwickelt oder auch Tutorials auf YouTube gibt, bei denen die Gewinnerzielung nicht im Vordergrund steht, arbeitet auch für die Zivilgesellschaft. Menschen vernetzen sich schon seit Jahrzehnten virtuell und schaffen technologischen, kulturelle, sozialen, und politischen Mehrwert. Das sollte auch gewürdigt werden.

Dabei geht es einerseits viel um Vermittlung von Kompetenzen und Aufbau von Wissen in allen Altersgruppen. Hier gibt es noch Ausbaubedarf für ehrenamtliches Engagement. Andererseits ist die Politik auch auf Impulse aus der Zivilgesellschaft und dem digitalen Ehrenamt angewiesen. Die häufig im digitalen Ehrenamt organisierte Zivilgesellschaft hält als Korrektiv bei vermeintlichen politischen Fehlentscheidungen dagegen und entwickelt sowohl konkrete Gegenvorschläge als auch positive Zukunftsvisionen für die digitale Transformation.

Digitales Ehrenamt fördern

Zum fehlenden Verständnis bei Entscheidungsträger:innen und Verwaltung, kommen formale Herausforderungen hinzu: Bei digitalen Projekten gibt es häufig die Angst, dass Mittel zweckentfremdet werden können. In der Regel werden zudem vor allem so genannte Modellprojekte gefördert, die für einen begrenzten Zeitraum vermeintlich innovative Lösungen entwickelt werden, aber dann ohne Anschlussfinanzierung versanden. So entstehen “digitale Wüsten”, Tools, die nach einer Erprobung nicht weiterentwickelt werden oder nicht mehr eingesetzt werden. 

Politische Entscheidungsträger:innen müssen digitales Ehrenamt verstehen und bei Förderansätzen mehr Mut zeigen. Es müssen mehr Angebote zur Förderung des digitalen Ehrenamts geschaffen werden. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei die Unterstützung und Entwicklung von Open Source Software, von der digital ausgerichtete gemeinnützige Vereine und andere Aktive profitieren können. 

Wichtig ist uns deshalb der Grundsatz „Public Money, Public Code“, also die rechtliche Verpflichtung mit öffentlichen Mitteln entwickelte Software unter einer quelloffenen Lizenz zu veröffentlichen. So kommen von der Allgemeinheit finanzierte Projekte auch der Allgemeinheit zugute und Neuentwicklungen können nachhaltig genutzt werden. Außerdem sollte bei der notwendigen Anpassung des Gemeinnützigkeitsrechts die Bedürfnisse des digitalen Ehrenamts mitgedacht und Strukturförderungen stärker in den Fokus genommen werden.

Das Freiwillige Digitale Jahr

Weiterhin halten wir auch eine Einführung eines Freiwilligen Digitalen Jahrs für richtig. Das FSJ digital soll die Fähigkeit von jungen Menschen dort hinbringen, wo es teilweise aktuell so etwas gar nicht gibt. Die Bandbreite reicht von der Arbeit im Kindergarten über die Entwicklung einer Website für eine kulturelle Einrichtung bis hin zum Heranführen an digitale Werkzeuge für Senior:innen oder das Entwickeln einer Geschäftsidee.

Das FSJ digital kann helfen, den Digital Gap zu verringern und dadurch mit verhindern, dass ein Teil der Gesellschaft digital und damit auch gesellschaftlich abgehängt wird. Aber auch im Bildungsbereich kann das FSJ digital viel bewirken: Freiwilligendienstleistende könnten die Lehrenden beispielsweise direkt im Unterricht, oder auch indirekt mit außerschulischen Angeboten in AGs unterstützen. Schließlich kann das FSJ digital dabei helfen, mehr Menschen für digitale und technologische Berufe zu begeistern und damit langfristig zur Attraktivität Deutschlands als Wirtschaftsstandort beizutragen. Das kann gerade junge Frauen ermutigen, ein solches Tätigkeitsfeld auszuprobieren.

Es ist gut, dass es mit der Servicestelle netzwärts ein bundesweites Angebot zur Unterstützung digitaler Projekte in bestehenden Freiwilligendiensten gibt. Unserer Meinung nach ist die Einrichtung eines eigenständigen digitalen Freiwilligendienstes nach Vorbild des Freiwilligen Sozialen Jahres mit Hinblick auf die Unterstützung des digitalen Ehrenamts aus den genannten Gründen weiterhin sinnvoll.