Seit 2012 bietet D64 den Ticker an, einen werktäglich erscheinenden Newsletter, der von D64-Mitgliedern in ehrenamtlicher Arbeit kuratiert wird. Die Abonnent:innen erhalten eine Liste von pointierten Nachrichten mit weiterführenden Links zu Nachrichtenportalen und Blogs. Doch es bleibt nicht nur bei der Berichterstattung. Der Ticker stellt auch bevorstehende netz- und digitalpolitische Veranstaltungen vor, wobei besonders darauf geachtet wird, dass die Frauenquote der Diskutant:innen transparent dargestellt wird.
Eine große Anzahl treuer Leser:innen bekommt so eine unabhängige Übersicht kostenfrei in ihre Postfächer, von dem, was so pro Tag digital- und netzpolitisch so los ist und was für Veranstaltungen bevorstehen. Der Newsletter, eines der größten communitygetriebenen Angebote dieser Art im deutschsprachigen Raum, hat sich so zu einer festen Größe etabliert, die auch bei Entscheider:innen, wie Bundesforschungsministerin Dorothee Bär, jeden Morgen zur festen Lektüre gehört.
Wir haben mit zwei langjährigen Autor:innen über ihre Arbeit und Erfahrung beim Ticker gesprochen. Angela Büttner ist seit 2022 Ticker-Autorin und engagiert sich bei D64 zudem als Co-Koordinatorin der AG Bildung. Beruflich ist sie freiberufliche Dozentin in der Erwachsenenbildung und hat einen Hintergrund in der Sprachwissenschaft. Dirk Schoemakers ist seit 2017 Ticker-Autor und Beisitzer im Vorstand von D64. Auch er setzt sich ehrenamtlich für den Bereich digitale Bildung ein. Beruflich ist er Product Owner bei Bildungsinnovator und Gründer von Digital Changes. Aufgenommen wurde das Interview am 17. August 2026, die Fragen stellte Johann Lensing.
D64: Okay, erste Frage zuerst: Warum sollten Menschen den Ticker abonnieren?
Angela Büttner: Die Menschen sollten den Ticker abonnieren, weil er aus der Selbstorganisation der ehrenamtlichen Redakteur:innen entsteht. Und weil die Inhalte sehr gut und zudem sehr lustig sind. Was kann man sich mehr wünschen als einen Community-based-Newsletter mit guten Inhalten und lustigen Themen?
Dirk Schoemakers: Er ist eine gute Mischung aus Information, Meinung/Haltung und Unterhaltung. Ich glaube, ein Markenzeichen des Tickers ist auch, dass er häufig mit einem Augenzwinkern geschrieben wird, mal mehr, mal weniger. Das macht ihn besonders lesenswert und lesenswerter als einen nüchternen RSS-Feed. Er hat natürlich schon auch einen ganz guten Filter für das, was wirklich relevant ist. Das merkt man gerade, wenn man in den Nachrichtenquellen, die man quasi kuratiert, sieht, wie viel Kram da auch drin ist, der nicht relevant ist. Zum Beispiel bei Heise oder insbesondere bei Golem ist ganz viel Hardware-Kram, wo du sagst: „Boah, interessiert mich alles gar nicht.“ Aber trotzdem sind auch interessante Nachrichten dabei, bei denen du denkst: „Na ja, die sind schon auch ganz gut.“ Die würde man unter Umständen aber so gar nicht finden.
D64: Wie ist das denn bei euch? Wie seid ihr denn zur Ticker-Redaktion dazugestoßen und was hält euch nach wie vor dabei?
Angela Büttner: Ich bin über Anna Lob dazu gekommen. Sie meinte: „Frag doch da mal nach, da wird gerade jemand gesucht.“ Das war relativ früh in meiner Mitgliedschaft bei D64. Dann habe ich damit angefangen und mache das auch sehr gern, weil ich dadurch eine andere Perspektive bekomme. Das heißt, wenn ich Nachrichten lese, dann mache ich das inzwischen fokussierter. Es macht mir auch einfach Freude, aus den Nachrichten, die zeitweise über einen hineinbrechen, diejenigen herauszusuchen, die für andere Leute interessant sein könnten, und sie zu kuratieren. Diese Tätigkeit, also Nachrichten fokussierter zu lesen und gleichzeitig Inhalte zusammenzustellen und zu kuratieren, finde ich eigentlich sehr schön. Deswegen mache ich es gern.
Dirk Schoemakers: Dazugestoßen bin ich eigentlich, glaube ich, relativ untypisch. Ich habe nämlich gefragt, ob ich mitmachen kann (lacht). Ansonsten sind wir immer ein bisschen verlegen und versuchen, Leute aktiv zu rekrutieren. So nach dem Motto: „Wenn du keinen Grund dagegen hast, dann hast du ja einen Grund dafür.“ Aber ich hatte damals einfach Lust darauf, weil ich, wie gesagt, den Ticker von Tag eins meiner Mitgliedschaft an gelesen habe und es immer ziemlich cool fand, was da auf die Beine gestellt wurde. Ich dachte mir: „Oh ja, du hast ein bisschen Zeit, die du da eigentlich gut reinstecken könntest.“ Das war dann auch so ein bisschen das längerfristige Tätigkeitsfeld bei D64, also wo es sich verstetigt hat. Ich glaube, ich bin jetzt neben Maxim, der ja nun wirklich der Grandseigneur des Tickers ist, der zweitälteste Tickerer.
Die Menschen sollten den Ticker abonnieren, weil er aus der Selbstorganisation der ehrenamtlichen Redakteur:innen entsteht. Und weil die Inhalte sehr gut und zudem sehr lustig sind. Was kann man sich mehr wünschen als einen Community-based-Newsletter mit guten Inhalten und lustigen Themen?
Angela Büttner
D64: Ihr habt es gerade schon ein bisschen beschrieben: Der Prozess, wenn man so einen Ticker schreibt, ist von der Kuratierung geprägt, wahrscheinlich muss man auch recherchieren. Wie sieht das bei euch aus? Wie sieht euer Prozess für eine typische Tickerausgabe aus?
Angela Büttner: Mhm. Ich habe meine Quellen, bei denen ich meistens schnell Informationen oder Artikel zu Themen finde, die mich interessieren. Das sind zum Beispiel Netzpolitik, Heise, 404 Media oder Wired. Das sind die Sachen, die ich zuerst durchgucke, um zu sehen, ob ich etwas finde. Meistens gibt es natürlich auch schon Themen, die auf Social Media geboten werden. Und dann muss ich entscheiden, welchen Artikel ich dazu nehmen will. Will ich den nehmen, der gerade in der Süddeutschen veröffentlicht wird? Oder nehme ich lieber den Artikel von Netzpolitik, der vielleicht noch nicht überall auf Social Media geteilt wird? Das letzte Kriterium ist für mich, ob der Artikel hinter der Paywall ist oder nicht. Das sind im Endeffekt die drei Schritte.
Dirk Schoemakers: Eigentlich starte ich damit, dass ich in meinen Feedreader gucke, den ich mittlerweile fast ausschließlich für den Ticker benutze. Das ist so ein bisschen aus der Zeit. Und dann skimme ich quasi erstmal durch. Dann öffne ich die Artikel in einem neuen Tab und lese sie quer. Dabei frage ich mich: „Passt das irgendwie? Ist das relevant?” In der Regel habe ich dann eine Auswahl von vier bis sechs, sieben Artikeln. Je nachdem, wie mein Zeitbudget aussieht, gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen, wie ich den Ticker schreibe. Einerseits mache ich es komplett per Hand, lese also jeden Artikel, schreibe mir ein, zwei Sachen heraus und schreibe daraus die Tickermeldungen. Was ich früher häufiger gemacht habe, ist, dass ich mir letztendlich nur die Anriss-Headline, also das, was bei uns immer fett geschrieben ist, überlege und ansonsten den Anreißertext vom Artikel selbst hineinkopiere. Was ich mittlerweile auch schon ein paar Mal gemacht habe, ist, mir die Zusammenfassung von der KI schreiben zu lassen. Das funktioniert auch ganz gut. Ich habe auch einen Prototypen dafür: Da schmeiße ich einfach die Links rein oder schreibe die ganze Tickerausgabe. Dafür habe ich dem Modell ein paar Ausgaben gefüttert und gesagt: „Guck dir mal an, wie so der Stil ist.” Wenn es sein müsste, hätte ich einen Ticker in fünf Minuten fertig. Das ist aber wirklich nur der absolute Notnagel, zum Beispiel, wenn man es vergessen hat oder abends spontan einen Termin hat oder spät von der Bandprobe nach Hause kommt. Aber ansonsten macht das Schreiben durchaus Spaß. Es ist also nicht nur rein outputorientiert.

D64: Und gibt es dabei eine Meldung, die euch mal besonders überrascht oder wütend gemacht haben?
Angela Büttner: Letzthin hat mich das Interview zu dem Thema an der marokkanischen Enklave bei Netzpolitik tatsächlich überrascht. Als der Investigativjournalist sagte, er habe in den WhatsApp-Gruppen keine Nachweise dafür gefunden, dass es sich um eine orchestrierte Aktion gehandelt habe. Das hat mich jetzt letzte Woche so ein bisschen verwundert und auch ein bisschen verärgert, ja. Ansonsten fällt mir gerade spontan kein Artikel ein, der mich besonders irritiert hat.
Dirk Schoemakers: Boah, also ich glaube, es gibt durchaus vieles, das mich überrascht, aber eher so auf Tagesbasis. Eher wütend gemacht? Da gibt es so ein paar Themen, aber ich habe jetzt nicht die eine Mitteilung, die mich besonders wütend gemacht hat. Das können unterschiedliche Themen sein, also Bereiche wie Datenschutz oder Regulierung. Die Vorratsdatenspeicherung zum Beispiel – dieser Zombie steht jedes Jahr wieder auf, obwohl du denkst: „Wir waren uns sicher, er ist wirklich tot.“ Aber nein, irgendjemand haucht diesem Scheißthema dann doch wieder Leben ein.
Die Vorratsdatenspeicherung zum Beispiel – dieser Zombie steht jedes Jahr wieder auf, obwohl du denkst: „Wir waren uns sicher, er ist wirklich tot.“ Aber nein, irgendjemand haucht diesem Scheißthema dann doch wieder Leben ein.
Dirk Schoemakers
D64: Habt ihr ein Thema, wo ihr sagt „Boah, das taucht in den großen deutschsprachigen Medien so gut wie gar nicht auf. Aber im Ticker haben wir das andauernd drin“?
Angela Büttner: Ich finde tatsächlich, dass die Themen des Digital Service Acts in den Medien relativ wenig präsent sind. Dank unserer engagierten Redakteur:innen werden sie aber regelmäßig im Ticker behandelt. Also das ist ein Thema. Das gilt auch für die Thematik, was Menschenrechte und Überwachung betrifft. Das gibt es in den Medien, aber ist immer nur so peakweise, während man es im Ticker dann doch schon regelmäßig so eine Entwicklung mitverfolgen kann.
Dirk Schoemakers: Ja, da gibt es Themen wie Datenschutz, Informationsfreiheit und digitale Grundrechte. Das sind Themen, die meiner Meinung nach relativ wenig Beachtung finden. Sie werden zwar irgendwo erwähnt, aber sie sind nie die großen Themen. Ich glaube, das resultiert auch daraus, dass es nicht gut oder ausreichend thematisiert wird.
D64: Und wenn ihr so mit Leuten im Gespräch seid und denen vielleicht auch erklärt, was ihr bei D64 macht, dann kommt ja vielleicht auch ab und zu der Gedanke auf, dass Netzpolitik oder Digitalpolitik sie vielleicht weniger persönlich betrifft. Was ist denn dann ein Satz, den ihr sagt (oder vielleicht auch schon mal gesagt habt in der Vergangenheit) wenn Menschen konkret fragen, warum Digitalpolitik für sie überhaupt relevant ist?
Angela Büttner: Ich glaube inzwischen, dass die meisten Menschen realisieren, dass das Digitale für sie relevant ist. Ich hatte zum Beispiel letztens den Fall, dass ich für einen Kurs einen PC brauchte, weil wir Teams verwenden. Es ging allen anderen Kolleg:innen genauso. Ja, also alle brauchen ein bestimmtes Gerät, um diesen Kurs leiten zu können. Ohne Teams und ohne Windows 11 als Betriebssystem kann ich es nicht nutzen. Ich würde tatsächlich das Beispiel mit dem Computer und der Leistungsfähigkeit von Windows 11 anführen. Also dass die Unternehmen ihre Geräte mit Funktionen überladen, die eigentlich niemand wirklich braucht, und dass das durchaus auch den Alltag jedes Einzelnen beeinflusst. Das wäre mein Beispiel, glaube ich.
Dirk Schoemakers: Ich habe keine Standardantwort parat, aber ich versuche immer, mit Beispielen zu arbeiten. Nehmen wir zum Beispiel WhatsApp oder Social Media. Dann kann man ganz gut sagen: „Guck mal hier, du hast einen Service, den du quasi rund um die Uhr benutzt und für den du nichts bezahlst. Kannst du dir vorstellen, ein Produkt anzubieten, mit dem du direkt nichts verdienst? Und trotzdem kannst du es auf einer riesigen Skalierung betreiben. Irgendwo muss das Geld ja herkommen. Und jetzt überleg mal nach dem Motto ‚Devil’s Advocate‘: Was glaubst du denn, was passiert? Glaubst du ernsthaft, diese Menschen sind an dir als Person interessiert oder haben irgendwelche Skrupel, dir irgendetwas anzudrehen, etwas zu verkaufen oder mit deinen Daten Geld zu verdienen?“ Und damit kriegt man hier und da schon mal Leute so ein bisschen offen im Kopf. Aber die harte Realität ist leider auch, dass es 80 % der Leute wirklich scheißegal ist.

D64: Ich nehme also mit: Digitalpolitik ist in der Breite der Gesellschaft bereits angekommen. Jetzt heißt es nur noch, dass wir mit D64 die gesamte Gesellschaft bei uns aufnehmen müssen. Was würdet ihr Leuten, die zum ersten Mal bei D64 mitmachen möchten, denn raten?
Angela Büttner: Ich würde den Menschen raten, sich einfach mal die verschiedenen Arbeitsgemeinschaften anzuschauen oder zu den Neumitgliedertreffen zu gehen. Natürlich sollte man auch den Ticker ausprobieren! Vielleicht ist ja etwas dabei, das der Person gerade Spaß macht. Und ansonsten einfach in die Themengebiete reinschauen, die einen interessieren, und schauen, was einem am besten gefällt.
Dirk Schoemakers: Wir haben zum Beispiel ein Neumitgliedertreffen und eine AG-Struktur. Das ist alles sehr gut und ich glaube, das bietet gute Anknüpfungspunkte. Ein Neumitgliedertreffen kann ich zum Beispiel sehr empfehlen. Ansonsten könnte man sich auch einfach mal umsehen, ob es ein Thema gibt, für das man brennt, und dann zu einem AG-Treffen gehen. Das ist ja auch kein Problem. Man findet das, wofür man sich aktiv einsetzen möchte, oder man diskutiert und liest einfach mal im Vereinsheim mit. Früher oder später kommt man, glaube ich, an einem Thema vorbei, bei dem man denkt: „Ach, da könnte ich eigentlich auch mal mitmischen.“ Mit Leuten zu sprechen, das ist ja das, worum es letztendlich geht.
D64: Kommen wir zu meiner letzten Frage, um das abzuschließen. Vervollständigt doch bitte den Satz „Digitalpolitik ohne Zivilgesellschaft ist..“
Angela Büttner: …nicht möglich.
Dirk Schoemakers: …zum Scheitern verurteilt.
D64: Perfekt. Vielen herzlichen Dank euch beiden.