Skip to content

Wie Dezentralisierung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk aussehen kann: Eindrücke vom ZDF in Mainz

Dezentralisierung ist ein zentraler Baustein für eine demokratische, vielfältige und selbstbestimmte digitale Öffentlichkeit. Doch wie kann Dezentralisierung in etablierten Strukturen wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) praktisch aussehen?
D64-Mitglieder besuchen das ZDF-Heute-Studio. Bild: Raewyn Leipold-Olszówka
Bild: Raewyn Leipold-Olszówka

Dezentralisierung ist ein zentraler Baustein für eine demokratische, vielfältige und selbstbestimmte digitale Öffentlichkeit. Doch wie kann Dezentralisierung in etablierten Strukturen wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) praktisch aussehen? Um das herauszufinden, haben wir das ZDF in Mainz besucht. Das Ziel war es, Einblicke in die Praxis zu gewinnen und zu verstehen, wie der ÖRR seine Rolle als „Market Shaper“ einer digitalen Gesellschaft wahrnimmt, die unseren Grundwerten von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität entspricht.

Gruppenfoto der D64-Mitglieder im ZDF-Heute-Studio. Bild: Raewyn Leipold-Olszówka
Bild: Raewyn Leipold-Olszówka

Common Grounds statt Battlegrounds

Wie kann öffentliche Kommunikation entstehen, ohne vollständig von den Infrastrukturen von Big Tech abhängig zu sein? Bei unserem Besuch beim ZDF wurde deutlich, dass genau diese Frage viele aktuelle Entwicklungen prägt. Es geht um die Suche nach digitalen „Common Grounds“. Damit sind gemeinsame, sichere Diskursräume gemeint, die eine Alternative zu den von kommerziellen Algorithmen und Polarisierung geprägten „Battlegrounds“ der großen Plattformen bieten.

Öffentlich-rechtliche Medien erreichen viele Menschen vor allem über Plattformen wie YouTube oder Meta. Das bringt zwar Reichweite und Sichtbarkeit, macht die Sender aber gleichzeitig von den kommerziellen Plattformen, ihren Algorithmen und Geschäftsmodellen abhängig. Die Interessen dieser Plattformen stimmen nicht mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag überein. Die Herausforderung besteht deshalb darin, der Plattformökonomie entgegenzuwirken und öffentliche digitale Räume zu schaffen.

Terra X ist ein Beispiel für Dezentralisierung in der Praxis

Statt alle Inhalte zentral über die ZDF-Mediathek zur Verfügung zu stellen, werden Inhalte auf verschiedenen kommerziellen und nicht-kommerziellen Kanälen und Plattformen verbreitet. Dadurch werden unterschiedliche Zielgruppen auf den Plattformen erreicht, die sie ohnehin nutzen. Ältere Zielgruppen werden über TV und Streaming angesprochen, etwa mit „Terra X“, „Terra X History“ oder „Terra X Harald Lesch“. Jüngere Zielgruppen hingegen erreicht das Format vor allem über Social Media.

Besonders deutlich wird der dezentrale Ansatz bei der Bereitstellung von Inhalten des Wissensformats Terra X unter Creative-Commons-Lizenzen (CC). Kurze Videoclips werden auf Wikipedia veröffentlicht und können dort frei genutzt, weiterverbreitet und in andere Kontexte eingebunden werden. Das zeigt, dass öffentlich-rechtliche Inhalte nicht in den eigenen Mediatheken schlummern müssen. Das Wissen wird allen zur Verfügung gestellt, darf weiterverwendet werden und macht so Wissen im Netz offener und zugänglicher. Für diese Zusammenarbeit engagiert sich die ehrenamtliche Wikipedia-Community in Zusammenarbeit mit dem ZDF und weiteren Rundfunkanstalten.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass dieser Ansatz an Grenzen stößt. Komplexe Lizenzfragen, Persönlichkeitsrechte, urheberrechtliche Vorgaben externer Produktionsfirmen sowie der gesetzliche Rahmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erschweren eine umfassendere Freigabe von Inhalten. Die Diskussion machte deutlich, dass Versuche, dezentrale Strukturen aufzubauen, von rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen gebremst werden.

Der Public Spaces Incubator: Infrastruktur für neue Diskursräume

Wäre es nicht schön, in digitalen Räumen anständig diskutieren zu können? Ohne Beleidigungen und laute Trolle?“

Mit dieser Frage begann Robert Amlung die Vorstellung des Public Spaces Incubator (PSI), einem weiteren Schwerpunkt unseres Besuchs beim ZDF. Das Projekt verfolgt das Ziel, gemeinsam mit anderen öffentlich-rechtlichen Medien, darunter der belgischen RTBF, der kanadischen CBC/radio Canada und der Schweizer SRG/SSR, neue Diskursräume zu fördern. Dahinter steht die Frage, wie öffentlich-rechtliche Medien gesellschaftlichen Austausch fördern können, ohne ausschließlich auf kommerzielle Plattformen wie YouTube oder Instagram angewiesen zu sein.

Der PSI ist Teil der Netzwerkstrategie des ZDF, die darauf abzielt, öffentliche digitale Infrastruktur mitzugestalten und durch Angebote, die eine Alternative zu dominanten Plattformen bieten sollen, digitalen Public Value zu schaffen. Das ZDF positioniert sich damit als „Market Shaper“, der ein eigenes Medienökosystem fördert. Das Projekt setzt auf einen kooperativen, länderübergreifenden Ansatz auf Basis von offener Software, offenen Standards und offenen Protokollen. Das Leitprinzip ist dabei „Civility by Design“. Die Idee dahinter ist, dass die Architektur der Räume anständige Diskussionen ermöglicht, ohne Beleidigungen und laute Trolle.

Das Prinzip von „Civility by Design“ führt uns direkt zur Frage der Governance. Wenn die technische Gestaltung respektvollen Austausch fördern soll, wer kontrolliert dann diese Räume? Wer trägt die Verantwortung für die Einhaltung demokratischer Spielregeln? Ein dezentrales Netzwerk benötigt Aufsichtsstrukturen, die eine offene Diskussion möglichst konstruktiv, und sicher machen.

Einen ersten Eindruck davon kann man sich bereits online verschaffen: Zum einen können Nutzende dabei mitwirken, Prototypen zu testen. Zum anderen gibt es aktuell zwei Dialog-Tools, die man ausprobieren kann. Ein Diskussionsraum beim ZDFheute und einen zur FIFA-Fußball WM der Männer bei „logo!“ gemeinsam mit KiKA. Langfristig soll daraus ein offenes, föderiertes Netzwerk als Alternative zu Big Tech entstehen, das sich auch für Akteure aus Wissenschaft, Kultur und Bildung öffnet. Ein wesentlicher Unterschied zu kommerziellen Plattformen ist dieser dezentrale Ansatz. Man agiert nicht auf einer einzigen zentralen Plattform, stattdessen entstehen mehrere unabhängige Server, die gemeinsam ein Netzwerk bilden. Unterschiedliche Akteure können darin frei kommunizieren, ohne einer einzelnen Plattform untergeordnet zu sein. Dahinter steht die Idee von digitalen Räumen, die kooperativ funktionieren und das Gemeinwohl über kommerzielle Interessen stellen.

Foto: Ramona Cassola-Greiner vor einem Greenscreen hält ein Smartphone in die Höhe, blickt nach oben. Bild: Raewyn Leipold-Olszówka.
Bild: Raewyn Leipold-Olszówka

Learnings für unser Projekt

Unser Besuch in Mainz hat gezeigt, dass Dezentralisierung gleichermaßen die Gestaltung von Inhalten, den Aufbau digitaler Infrastruktur und die Zusammenarbeit der Akteure, die öffentliche Kommunikation ermöglichen, betrifft.

Öffentlich-rechtliche Medien produzieren nicht nur Inhalte, sondern können auch als Mitgestalter einer offenen digitalen Infrastruktur auftreten. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird damit zum „Market Shaper“, der alternative Technologien, offene Standards und kooperative Netzwerke fördert. Unser Besuch beim ZDF hat uns gezeigt, wie diese Art der Dezentralisierung bereits heute in der Praxis erprobt wird. Die entscheidende Frage bleibt, wie diese Ansätze weiterentwickelt werden können, damit digitale Öffentlichkeiten künftig stärker am Gemeinwohl orientiert sind, mehr Gestaltungsmacht bei öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren liegt und weniger Abhängigkeit von Big Tech besteht.