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Was braucht die EUDI-Wallet für eine erfolgreiche Umsetzung?

Am 9. September 2026 diskutierten Marielle Findorff, Michael Kubach und Christian Stuffrein bei D64 die angekündigte Umsetzung der EUDI Wallet in Deutschland. D64-Mitglied Björn Mohr berichtet von der Veranstaltung.
Michael Kubach und Yannick Müller im Gespräch. Bild: D64/Johann Lensing
Bild: D64/Johann Lensing

Die Bundesregierung will zu Jahresbeginn eine digitale Brieftasche einführen. Die „d-you Wallet“ soll es Bürger:innen ermöglichen, sich online auszuweisen und Nachweise zu erbringen, beispielsweise zu belegen, dass sie einen Führerschein haben. Was überzeugt die Bürger:innen, dieses neue Angebot zu nutzen? Dazu diskutierten am 9. September 2026 bei D64 die Expert:innen Marielle Findorff von der Verbraucherzentrale Bundesverband, Michael Kubach vom Fraunhofer IAO und Christian Stuffrein vom Deutschen Landkreistag mit D64-Vorstandsmitglied Yannick Müller.

Am Tag der Veranstaltung überrascht das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung mit einem neuen Namen. Die EUDI-Wallet soll nun „d-you“ heißen. Mir wäre gar nicht in den Sinn gekommen, dass ein eigener Name nötig ist. Es ist ein europäisches Projekt zur einheitlichen Lösung eines Problems: Wie können Bürger:innen sich im Netz sicher identifizieren und authentifizieren. Ab 2027 sollen alle Mitgliedstaaten die European Digital Identity Wallet umgesetzt haben. Und zwar so, dass man sie europaweit nutzen kann. Neben dem Personalausweis sollen auch die Fahrerlaubnis und weitere staatlich beurkundete Dokumente sicher darin aufbewahrt und damit vorgezeigt werden können.

Zunächst ging es in der Diskussion um die Frage, was noch verbessert werden sollte, damit der Start im kommenden Jahr gelingt. Aus Sicht des Verbraucherschutzes fordert Marielle Findorff einige Sicherheitsschranken. Nutzer:innen sollen die Wallet mit Pseudonym nutzen können. Wenn ich einer Seite gegenüber belegen muss, über 18 Jahre alt zu sein, heißt das nicht, dass die Webseite meinen Klarnamen wissen muss. Auch sollten Nutzer:innen entscheiden, welche Daten sie wem zeigen wollen. Wenn ich meinen Wohnort verifizieren muss, sollte dafür die Postleitzahl genügen, ohne die Straße und Hausnummer. Und drittens fordert sie eine strengere Auswahl der Anbieter, denen gegenüber ich meine Daten mit der Wallet freigeben kann. Die Befürchtung: Jede x-beliebige Webseite fragt mich nach meinen Wallet-Daten, bis alle so erschöpft sind, dass sie nur noch „ja“ klicken – siehe Cookie-Banner.

Marielle Findorff im Gespräch. Bild: D64/Johann Lensing
Marielle Findorff im Gespräch. Bild: D64/Johann Lensing

Dieser Forderung steht ein anderes Ziel gegenüber: Nämlich, dass möglichst viele Anwendungsfälle für die Wallet gleich zu Beginn verfügbar sind. Nur dann, wenn es regelmäßig einen Anlass gibt, die Wallet zu nutzen, wird sie auch verwendet. Schnell zeigt sich in der Diskussion: Über dem Vorhaben liegt der Schatten des nPA (neuer Personalausweis) und der BundID, die beide als Negativbeispiele gelten, was die Einführung digitaler Identifikationsmittel angeht. Beide kämpfen bis heute mit niedrigen Nutzer:innenzahlen.

Eine Selbstverständlichkeit für die neue Wallet: Sicher muss sie sein. Da ist man sich schnell einig in der Runde. Aber sicher allein reicht noch nicht – die Bürger:innen müssen auch Vertrauen in die Lösung haben. Das ist schon schwieriger. Michael Kubach forscht am Fraunhofer IAO zu diesen Fragen und begleitet das Vorhaben. Ob eine groß angelegte Öffentlichkeitskampagne genügt?

Aus einer ganz anderen Perspektive blickt Christian Stuffrein vom Deutschen Landkreistag auf die Wallet-Einführung. Wie wird eigentlich dafür gesorgt, dass d-you auch in den Bürger- und Sozialämtern zum Einsatz kommt? Das sind kommunale Behörden mit sehr vielen Bürgerkontakten. Damit dort auch die Wallet eingesetzt werden kann, müssen deren IT-Dienstleister und Softwarehersteller gut eingebunden werden, meint er.

Christian Stuffrein im Gespräch. Bild: D64/Johann Lensing
Christian Stuffrein im Gespräch. Bild: D64/Johann Lensing

Aber bei aller Kritik: So wie es jetzt ist, kann es auch nicht bleiben. Authentifizierung findet zu oft noch über Fotos von Ausweisen oder aufwändige Video-Identifikationsverfahren statt. Es ist eine echte Gefahr für Verbraucher:innen, dass sie Scans und Kopien von Dokumenten im Netz verschicken, meint Marielle Findorff. Das hat auch bei mir ein mulmiges Gefühl ausgelöst, als ich bei der Wohnungssuche einen ganzen Satz Dokumente über mich an Unbekannt verschickt habe, in der Hoffnung, auch nur zur Besichtigung eingeladen zu werden.

Zum Ende der Veranstaltung noch eine Überraschung. Einige direkt am Projekt Beteiligte sitzen im Publikum und erzählen von den Herausforderungen bei der Entwicklung der Wallet. Die Implementierungsverordnungen der EU sind teilweise erst im Juni erschienen. Man muss nun also in Windeseile umsetzen, was erst kürzlich festgelegt wurde. Und das ist wohl auch das Bemerkenswerteste an dem Vorhaben. Das hohe Tempo, in dem hier zentraler Baustein der digitalen Infrastruktur gebaut wird. Das bedeutet, es wird nicht alles am ersten Tag verfügbar sein. Es bedeutet aber auch, dass wir die Wallet schon bald selbst ausprobieren können und so zum Erfolg des Vorhabens beitragen.

Marlene Straub, Christian Stuffrein, Marielle Findorff, Michael Kubach, Yannick Müller und Anna Lob (vlnr). Bild: D64/Johann Lensing
Marlene Straub, Christian Stuffrein, Marielle Findorff, Michael Kubach, Yannick Müller und Anna Lob (vlnr). Bild: D64/Johann Lensing
Foto von Björn Mohr

Björn Mohr

Björn Mohr ist Projektmanager Verwaltungsinnovation beim CityLAB Berlin, wo er KI-Anwendungen für die digitale Verwaltung entwickelt. Zuvor war er als Policy Advisor im Bundestag für Renate Künast tätig, unter anderem zu digitaler Gewalt und Desinformation, sowie als Berater bei ]init[ zur Digitalisierung öffentlicher Verwaltungen. Er hat Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin studiert. Bei D64 engagiert sich Björn in der AG Digitale Verwaltung.