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Digitale Infrastruktur als Machtfrage: Ein Rückblick auf die D64-Veranstaltung zu digitalem Kolonialismus

Am 9. Juli 2025 diskutierten Expert:innen bei uns über Digitalen Kolonialismus. Unser Mitglied Sophia Longwe gibt einen persönlichen Bericht zur Veranstaltung.
Ingo Dachwitz, Dr. Boniface Mabanza, Marlene Straub und Quincey Stumptner diskutieren vor Publikum. Bild: D64/Falko Ortolf
Bild: D64/Falko Ortolf

Wer das Internet für einen freien, grenzenlosen Raum hält, hat vermutlich noch nie eine Karte von Unterseekabeln gesehen oder hinterfragt, wem eigentlich die Rechenzentren, Satelliten oder Plattformen gehören, die unsere digitale Gegenwart prägen. Bei der Veranstaltung „Kontrolle durch Vernetzung: Digitaler Kolonialismus, Infrastruktur und globale Machtverhältnisse“ am 9. Juli im PUBLIX Berlin wurde genau diese Frage auf eine eindringliche, historisch eingebettete und politisch klare Art und Weise gestellt.

Die Veranstaltung fand anlässlich der Veröffentlichung des Buchs „Digitaler Kolonialismus: Die dunkle Seite des technischen Fortschritts“ von Ingo Dachwitz und Sven Hilbig statt. Doch schon der Titel wirft Fragen auf: Warum wird koloniale Gewalt im Digitalen als „dunkle Seite“ eines vermeintlich neutralen Fortschritts bezeichnet?

Ein Impuls, der Gänsehaut auslöste

Eröffnet wurde der Abend von der sambischen Künstlerin und Internet-Governance-Expertin Esther Mwema, die live aus Lusaka zugeschaltet war. Ihr Beitrag verband künstlerische Ausdrucksformen, historischen Kontext und politische Analyse auf eindrucksvolle Weise. Sie begann mit einem Lied aus dem Jahr 1858, das zur Feier des transatlantischen Telegraphenkabels komponiert wurde. Was als technischer Fortschritt gefeiert wurde, markierte in Wirklichkeit den Übergang der Versklavung und des Kolonialismus hin zu neuen, unsichtbareren Formen globaler Kontrolle und Unterdrückung.

Mwema zeichnete eine Linie von der transatlantischen Versklavung über die Berliner Konferenz 1884/85 bis zur heutigen digitalen Infrastruktur, in der koloniale Ungerechtigkeiten fortbestehen. Unterseekabel seien keine neutralen Technologien, sondern geopolitische Instrumente, verlegt entlang historischer Machtachsen und oft bewusst außerhalb nationaler Rechtsräume, um Regulierung zu umgehen. Die Geschichte des Internets beginne nicht im Silicon Valley, so Mwema, sondern mit transatlantischer Telegrafie, mit Kabeln, die durch die Arbeit versklavter Menschen verlegt wurden.

Ihre zentrale Botschaft war klar: Digitalisierung reproduziert koloniale Logiken durch Extraktivismus, asymmetrische Abhängigkeiten, Steuervermeidung und infrastrukturelle Kontrolle. Unter dem Versprechen globaler Teilhabe werden bestehende Machtverhältnisse durch Googles „Equiano“-Kabel (benannt nach einem Abolitionisten), Metas „2Africa“, Starlink-Satelliten oder KI-Rechenzentren in ressourcenreichen Regionen zementiert.

Digitale Infrastrukturen im Deckmantel des Kolonialismus

In der anschließenden von Quincey Stumptner moderierten Podiumsdiskussion mit Ingo Dachwitz, Dr. Boniface Mabanza und Marlene Straub wurde sichtbar, wie stark digitale Infrastrukturen mit globalen Machtdynamiken verknüpft sind und wie wenig bisher darüber diskutiert wird, wem sie gehören, wer entscheidet, wer profitiert. Ein zentrales Thema war die Intransparenz, mit der Projekte wie Metas Free Basics oder die EU-Initiative Global Gateway agieren. Unter dem Deckmantel von Konnektivität und Entwicklungszusammenarbeit entstehen neue digitale Abhängigkeiten, die meist ohne Mitsprache betroffener Communitys realisiert werden. Wenn Verträge unter Ausschluss der Zivilgesellschaft geschlossen werden, öffentliche Ausschreibungen umgangen und nur Business Advisory Councils statt demokratischer Multistakeholder-Gremien konsultiert werden, ist das kein Fortschritt, sondern digitale Fremdbestimmung. Auch die Rolle Chinas wurde nicht als Gegenmodell, sondern differenziert betrachtet als weiterer geopolitischer Akteur mit klarer Infrastrukturstrategie und ökonomischem Kalkül. Während europäische Projekte wertebasiert auftreten, fehlt es oft an Transparenz und Konsequenz trotz gleichzeitiger moralischer Erwartungshaltung gegenüber Partnerländern.

Zwischen Satelliten, Schulden und Souveränität

Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf den strukturellen Hürden für digitale Selbstbestimmung in der globalen Mehrheitsgesellschaft. Boniface Mabanza machte deutlich, dass es kein Erkenntnis-, sondern ein Prioritätenproblem ist. Viele Länder geben einen großen Teil ihrer Staatseinnahmen für Schulden aus, wodurch Investitionen in digitale Infrastruktur dem Druck von Ratingagenturen, fiskalischer Disziplin und geopolitischen Abhängigkeiten zum Opfer fallen. Mabanza sprach auch von „grünem Kolonialismus“, zum Beispiel wenn Deutschland für die Energiewende Wasserstoff aus Namibia importieren will, ohne die Kolonialgeschichte des Ortes aufzuarbeiten. Die geplante Hafenerweiterung in Lüderitz für den Export verläuft geografisch in unmittelbarer Nähe zu Shark Island, dem Standort des ersten deutschen Konzentrationslagers. Hier zeigt sich, wie aktuelle Infrastrukturpolitik mit kolonialer Gewaltgeschichte kollidiert und diese fortschreibt.

Auch Satelliteninternet wurde als neue Dimension der Infrastrukturmacht analysiert. SpaceX kontrolliert heute über 80 Prozent der globalen Satellitenkapazität, Amazon und andere Technologiekonzerne bauen ihre eigenen Netze auf. Infrastruktur wird zur geopolitischen Währung und internationale Verträge werden durch politischen Druck beeinflusst.

Was digitale Souveränität wirklich bedeuten müsste

Der Begriff „digitale Souveränität“ fiel wie auch im öffentlichen Diskurs oft, aber wurde in der Diskussion deutlich mit Inhalt gefüllt. Gemeint ist nicht staatliche Kontrolle, sondern eine gemeinwohlorientierte Digitalpolitik, die dezentrale Besitzstrukturen und technologische Alternativen stärkt. Indigene Communitys, die eigene Netzwerke als Internet-Service-Provider betreiben, Open-Source-Technologien, das Fediverse sowie regionale Internet Exchange Points sind Beispiele für sinnvolle Alternativen. Gleichzeitig wurde betont: Infrastrukturpolitik ist Erinnerungspolitik. Wer Digitalisierung global gerecht gestalten will, darf koloniale Kontinuitäten nicht einfach ignorieren. Kunst, wie sie Esther Mwema ausübt, schafft Sichtbarkeit für das, was in den technischen Layers und Stacks des Internets oft verborgen bleibt: Macht.

Ein Appell zur Verantwortung

Fest steht: Wer über Digitalisierung spricht, muss über Macht sprechen und damit über Geschichte, Verantwortung und Gerechtigkeit. Denn was als Konnektivität verkauft wird, ist oft Kontrolle. Was als Fortschritt gefeiert wird, basiert auf Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Oder wie Boniface Mabanza sagte: „Die Verhältnisse werden selten von denen verändert, die sie kontrollieren. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen und kleine Brötchen backen.“ Ich würde ergänzen: Wir müssen beginnen, uns ein Internet vorzustellen, in der digitale Infrastruktur nicht länger unterdrückt, sondern befreit. Eine Welt jenseits kolonialer Ungerechtigkeit, getragen von Teilhabe, Gerechtigkeit und gemeinsamer Verantwortung.

Dr. Boniface Mabanza, Ingo Dachwitz, Marlene Straub, Quincey Stumptner und Organisatorinnen Anna Lob und Esther Bauer am Ende der Diskussionsveranstaltung. Bild: D64/Falko Ortolf
Dr. Boniface Mabanza, Ingo Dachwitz, Marlene Straub, Quincey Stumptner und Organisatorinnen Anna Lob und Esther Bauer am Ende der Diskussionsveranstaltung. Bild: D64/Falko Ortolf

Wir geben unseren Mitgliedern die Möglichkeit, wichtige digitalpolitische Themen auf unserem Blog zu kommentieren und einzuordnen. Diese Beiträge entstehen aus der breitgefächerten Expertise unserer Community heraus – verfasst in ehrenamtlicher Kapazität als persönliche Einschätzungen, die nicht zwingend Vereinspositionen widerspiegeln.

Foto von Sophia Longwe

Sophia Longwe

Sophia Longwe ist Projektmanagerin Politik bei Wikimedia Deutschland und arbeitet zu digitaler Infrastruktur und gemeinwohlorientierter Datenpolitik. Sie studierte Global Studies und Public Policy in Maastricht, Berlin und Austin und ist bei D64 Mitglied der AG Plattformen.