Herzlich willkommen, Franziska Seidel und Joshua Pacheco! Ihr seid die neuen Gründungs-AG-Koordinator:innen der AG Digitale Verwaltung bei D64. Wie seid ihr beiden zu D64 gekommen?
Joshua Pacheco: Ich kenne Yannick Müller vom Vorstand von D64 von einem meiner vorherigen Arbeitgeber. Gleichzeitig taucht der Verein auch in der Presse immer wieder mit verschiedenen Themen und einer progressiven Haltung zu gesellschaftlichen Themen auf, wie faschismussichere Digitalpolitik. Anfang des Jahres habe ich dann mitbekommen, dass D64 einen Frühjahrsempfang veranstaltet. Weil die externen Plätze schon vergriffen waren, bin ich kurzentschlossen Mitglied geworden, um noch dazukommen zu können. In meinem Dayjob beschäftige ich mich viel mit der digitalen Transformation der Verwaltung. Mein Eindruck war, dass es dazu bei D64 einen Resonanzraum gibt, in dem ich meine Perspektiven erweitern kann. Dabei möchte ich schauen: was verbindet mich mit den Perspektiven der anderen AG-Mitglieder und was können wir gemeinsam daraus ableiten und für den gesellschaftlichen Diskurs anbieten? Mein Ziel ist dabei, zu einer Haltung zu kommen, die uns auch als Gesellschaft nach vorne bringt.
Franziska Seidel: Ich hatte da einen ganz eigenen Zugang. Mich hat es ehrlich gesagt genervt, wie schwierig es ist, in diese Digitalisierungs-Bubble hineinzukommen. Ich habe viele Jahre im Gesundheitsbereich gearbeitet – dort war es selbstverständlich, dass es zahlreiche Netzwerke gibt, formelle wie informelle. Im Digitalisierungsbereich hingegen ist vieles noch sehr von Silo-Denken geprägt. Ich habe mir verschiedene Netzwerke angeschaut, aber fast überall gab es Hürden, um überhaupt Teil davon zu werden. So bin ich auf D64 aufmerksam geworden. Ich dachte: „Da hast du einen guten Zugang, da kannst du einfach mitmachen.“ Es gibt unterschiedliche Themenbereiche, und genau das hat mir gefallen. Es ist schade, dass es zwar andere Netzwerke gibt, aber D64 das einzige ist, das Menschen wie mir – die in dem Bereich arbeiten, aber nicht schon seit Jahren dabei sind – echte Beteiligung ermöglicht.
Das ist ein total spannendes Thema, wo ihr die Arbeit der AG im Umfeld verortet, und da kommen wir auf jeden Fall gleich nochmal drauf zu sprechen. Ich würde gerne erst mal auf den Gründungsaspekt eingehen. Die AG Digitale Verwaltung ist ja aus der letzten Superklausur hervorgegangen. Könnt ihr da den konkreten Anlass rekonstruieren?
Franziska: Ich war zwar selbst nicht bei der Superklausur, aber die Idee entstand damals in einem Barcamp. Den Impuls gab Verena Holtz. Beim Kick-off im Dezember 2024 waren schon viele Interessierte dabei – es gab erste Projektideen und eine Vision, wo die AG hin soll. Als wir im Frühjahr Fedor Rose eingeladen haben, war es beeindruckend, wie viele Leute dabei waren. Yannick, Verena und ich haben die Idee dann weiter vorangetrieben, und so wurde schnell eine AG daraus. Dankenswerterweise hat sich Yannick auf die Suche nach einem Co-Koordinator gemacht – und so bin ich mit Joshua zusammen in diese Rolle gekommen. Darüber freue ich mich sehr.
Du hast gerade schon angesprochen, dass es auch im Vorfeld relativ viel Resonanz gab. Gegründet habt ihr die AG dann vor etwa einem Monat, am 17. Juli 2025. Was habt ihr denn da für eine Resonanz bekommen und wie viele Mitglieder sind jetzt aktiv dabei?
Joshua: Ich glaube, grundsätzlich hat das Thema total an Aufwind gewonnen, weil sich auch im politischen Raum auf Bundesebene super viel dazu bewegt hat in den letzten Monaten. Und dass dann ein Verein wie D64 sagt: da haben wir eine Leerstelle erkannt, da gibt es einen Bedarf in unserer Mitgliedschaft, sich spezifisch damit zu beschäftigen, ist eine gute Botschaft. In unserer AG Digitale Verwaltung sind aktuell über 60 Leute aus verschiedenen föderalen Ebenen innerhalb und außerhalb der Verwaltung, bei denen wir fragen müssen: „wie holen wir alle ab, wie können wir die verschiedenen Bedürfnisse und Ideen einbeziehen?“ Dabei wird für uns auch anstehen, uns mit den anderen AG-Koordinierenden auszutauschen. Wir haben jetzt im September ein AG-Koordinierenden-Treffen, auf das ich mich sehr freue. Ich frage mich, wie sich die anderen organisieren. Was sind ihre Best Practices, um Leute zusammenzubringen und in einen Arbeitsmodus zu bringen, der nicht nur ein Stammtisch ist?
Was habt ihr denn für Ideen, wie ihr als AG arbeiten wollt? Du hast ja den Stammtisch schon als regelmäßiges Treffen erwähnt, was plant ihr denn noch für Formate neben diesen regelmäßigen Treffen?
Joshua: Also, wir haben zuerst drei Themen entlang der D64 Charta identifiziert, anhand derer wir uns inhaltlich beschäftigen können. Der erste Themenblock ist Digitale Souveränität und Open Source, also: wie schaffen wir eine digitale Eigenständigkeit für den Staat? Der zweite Aspekt ist Struktur und Strukturwandel in der Verwaltung, also: welche Arbeits- und Führungskultur braucht der digitale Staat? Und der dritte Aspekt ist digitale Verwaltung und digitale Teilhabe: wie sieht eine barrierefreie, wirkungsorientierte Verwaltung aus? Und anhand dieser drei Themenbereiche haben wir verschiedene Initiativen zu bearbeiten. Das eine ist so eine Art Selbsthilfegruppe; wir kommen also zusammen und erzählen, was die Herausforderungen sind, und die anderen können dann Tipps dazu geben, wie sie damit umgehen. Der zweite Aspekt ist, dass wir auch externe Menschen einladen, die Umsetzungserfahrung mitbringen in einem der Themenbereiche. Anhand dieser Impulse schauen wir dann, ob wir als Verein daraus Handlungsweisen und Empfehlungen ableiten und der Öffentlichkeit präsentieren können. Und der dritte Teil geht darum, wie wir Hilfestellungen leisten, als Verein, insbesondere auf den Aspekt Digitale Teilhabe.
Franziska: In vielen Kontexten merkt man, dass die zivilgesellschaftliche Stimme gefragt ist. Wie erleben wir Verwaltung als Bürger:innen, als Du und Ich? Diese Perspektive fehlt oft, weil der Fokus fast immer nur auf der Technik liegt. Jede:r kann aber aus dem eigenen Lebensbereich etwas beisteuern – und wir als Zivilgesellschaft können sagen, wie wir Verwaltung gestaltet haben möchten.
In euren Unterlagen kann man lesen, dass ihr anhand der Charta und des Mission Statements des Vereins mithilfe der Werte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität verschiedene Fokusthemen abgeleitet. Was hat denn dabei für euch die höchste Priorität?
Joshua: Ja, gute Frage, ich habe möglicherweise eine persönliche Priorität, habe aber auch verstanden, dass wir als AG-Koordinierende in erster Linie Vermittler:innen und Facilitor:innen sind. Mein eigenes Steckenpferd sind Governance- und Strukturfragen, das heißt: was für Hebel müssen wir in Bewegung setzen, um damit eine nachhaltige Veränderung zu bewirken? Ich glaube, dass es spannend ist, zu schauen: was sind denn davon Fragestellungen, die im Kontext der anderen Mitglieder relevant sind?
Es gibt bereits andere Organisationen, von öffentlicher Hand bis zu Beratungsunternehmen, die sich mit dem Thema Verwaltungsdigitalisierung beschäftigen. Was macht denn den Ansatz von D64 einzigartig?
Joshua: Also ich kann Franzis Punkt nur nochmal betonen: wir sind extrem niederschwellig organisiert und offen für verschiedene Perspektiven und Hintergründe. Und haben gleichzeitig auch eine sehr handlungsweisende Charta, die uns hilft, Themen zu fokussieren.
Franziska: Wenn man in einer Behörde oder einem Beratungsunternehmen arbeitet, gibt es oft kaum Möglichkeiten, sich persönlich einzubringen. Viele Netzwerke lassen nur Institutionen als Mitglied zu, nicht Einzelpersonen. Bei D64 ist das anders: Hier gibt es eine Vielfalt an Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Denkweisen. Das ist unglaublich bereichernd – man kann voneinander lernen und gemeinsam Ideen entwickeln.
Ihr habt beide viel praktische Erfahrung in der Umsetzung von Themen. Eine häufig zu hörende Kritik an der Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen und NGOs ist, dass diese zwar gut darin sind, Strategiepapiere zu schreiben, aber keine echte Veränderung bewirken. Was ist da euer Ansatz?
Joshua: Ich glaube, dass es verschiedene Akteure gibt, die verschiedene Dinge gut können. D64 ist freiwillig organisiert, die Menschen kommen hier mit zeitlichen Einschränkungen hin. Gleichzeitig sind umsetzende Organisationen total darauf angewiesen, dass es andere Organisationen gibt, die vordenken können. Was wir bei D64 besonders gut können, ist Positionen schärfen, Entscheidungen hinterfragen und aus der breiteren Zivilgesellschaft zu Vorschlägen kommen, die dann andere umsetzen können.
Franziska: Wir dürfen nicht vergessen: Das hier ist ein Ehrenamt. Unsere Aufgabe ist es, Impulse zu setzen und Debatten anzustoßen, damit die Umsetzung vorankommt. Wir können mit der Stimme der Zivilgesellschaft den Finger in die Wunde legen – und so Veränderung anstoßen.
Wenn ihr einen Wunsch bei der Digitalisierungsfee freihättet, was würdet ihr euch wünschen?
Franziska: Ich würde mir wünschen, dass die Zusammenarbeit besser funktioniert. Also nicht nur Dinge so machen, wie man sie schon immer gemacht hat, sondern wirklich mehr und besser miteinander arbeiten. Vor allem müssten wir über Ressort- und Föderalgrenzen hinweg stärker gemeinsam denken und handeln. Denn nur wenn Bund, Länder und Kommunen zusammenarbeiten und auch die verschiedenen Ministerien an einem Strang ziehen, können wir Verwaltung wirklich digital und nutzerfreundlich gestalten.
Joshua: Wir brauchen eine echte Digitalstrategie mit einem echten, handlungsweisenden Zielbild für den Digitalen Staat.
Wir geben unseren Mitgliedern die Möglichkeit, wichtige digitalpolitische Themen auf unserem Blog zu kommentieren und einzuordnen. Diese Beiträge entstehen aus der breitgefächerten Expertise unserer Community heraus – verfasst in ehrenamtlicher Kapazität als persönliche Einschätzungen, die nicht zwingend Vereinspositionen widerspiegeln. Das Interview führten Johann Lensing und Carl Lieber.